Der Milan

Der Milan SturzflugEinleitung

Ich werde Ihnen nicht die Geschichte vom ver­lo­re­nen Manuskript erzählen, das ich während eines star­ken Regenfalls sah. Schirm hatte ich natürlich keinen, den vergesse ich ohne­hin regelmässig in der Migros oder im Denner oder im Voi oder im Coop. Was soll man machen? Nass werden, was sonst? Da habe ich Übung. Also, was ich sagen wollte: Ich glotze da im Regen nach unten. Haben Sie das Bild vor sich (irgendwo, an einer der genannten Stel­len)? Aus dem Kanal, der die Strasse unterquert, blubbert und siedet und schleimt es seewärts und schwemmt Zweige, Pi­nien­zap­fen, Acrylflaschen, Bierdosen und sonstige Er­run­gen­schaf­ten unserer Zi­vi­li­sa­tion gegen das Ab­schluss­gitter unterhalb des Fuss­gängerstreifens. Welches? Das Abschlussgitter des Wildbachs eben. Den Steg brauchen Sie, wenn sie von der Hal­te­stel­le Burgwies, nach Überqueren der Forchstrasse, den idyllischen Fussweg zum See hinunterwandern möchten. Bis dort ist nämlich noch Wi­ti­kon, dann landen Sie im Quartier Hirslanden. Auf dem Steg also war ich, und habe, angepresst an besagtes Gitter, etwas Schwar­zes gesehen, das mir wie ein dickes A4-Schulheft mit Spirale vorkam. Neugierig wie ich bin, habe ich mit etwas ge­wag­ten Manövern und einem lan­gen Ast, den das vorangehende Ge­wit­ter von einer Buche gerissen hatte, das Ding ans Ufer gezogen, mit Pa­pier­ta­schen­tü­chern einigermassen umhüllt, und dann an dem kleinen Brunnen der Hal­te­stel­le Burgwies einigermassen sau­ber­ge­wa­schen. Ja, und da haben mir die Tat­sa­chen recht gegeben: es war ein Schülerheft, von seinem freundlichen Ver­fas­ser mit Bleistift in einer feinen, eleganten Schrift fast vollgekritzelt, und an der Innenseite des Vordeckels klebte sogar noch eine Adresse. Die kam mir be­kannt vor.
     Was würden Sie jetzt tun, wenn Sie so was fänden? In den nächsten Pa­pier­korb werfen? Sicher nicht, jetzt sind Sie und ich ja schon viel zu neugierig, wozu sicher der Titel beiträgt, den wir so in der Schnelle gelesen haben: Der Milan, ein Witiker Krimi. Da gibt es also Menschen, die in Witikon Krimis schrei­ben, und einer davon hat sein Werk soeben fertiggestellt... und es in den Wildbach geschmissen? Unsinn, er hat das Ma­nu­skript verloren, so ein Pech! Das muss man ihr/ihm doch zurückbringen, wenn wir schon die Adresse ha­ben. Die verrate ich Ihnen jetzt natürlich nicht, schliesslich habe ich die ganze Arbeit geleistet, mir soll das verfassende Wesen danken. Ob Mann oder Frau, von mir erfahren Sie es nicht, die Wesenheit will anonym bleiben, aber doch noch publizieren, das hat "Es" mir in einem angeregten Gespräch ver­ra­ten. Und ich nicht faul habe den Krimi von "Es" dem Vorstand von Se­ni­o­ren für Se­ni­o­ren Witikon gezeigt: Wir hätten doch mal eine Rubrik „Gestern und Heute” auf unserer Website geführt, mit drei Erzählungen bisher, die ziemlich Anklang fanden, bis niemand mehr von gestern erzählen mochte, weil das jetzt ohne­hin der Quartierverein besorgt. Aber das Manuskript, das oben ge­rühm­te, han­delt mitnichten von der Vergangenheit, es beginnt nämlich im Jahre 2039 und endet im Jahr 2046, die Zeitspanne hat noch niemand erzählt, und schliesslich leben wir im Internetzeitalter, wo alle Epochen, gestern, heute und morgen, auf unseren flachen Bildschirmen zu einem Gesamtmenü flach­ge­walzt werden. Also, warum nicht? Dann habe ich drei Vorstandsmitglieder ge­be­ten, das Ma­nu­skript zu lesen: ob sie wohl zum gleichen Urteil kämen wie ich, dass da nichts darin stehe, was mit unserem Vereinszweck nicht vereinbar sei? Und sie fanden nichts: Seniorinnen und Senioren unterhalten verstösst, so fanden die drei Weisen, bestimmt nicht gegen die guten Sitten, und was nicht gegen die guten Sitten verstösst, darf man im Web publizieren.
     Nun also, damit Sie, liebe Vereins-Damen und -Herren, Ladies und Gentle­men, sich unterhalten können, müssen sie bloss gegen Ende November auf un­se­rer Homepage (dort wo HOME steht, um es ganz klar zu sagen) einen klei­nen Text beachten, der auf den Roman hinweist und einen Link dazu lie­fert: Klick, und Sie sind drin und geniessen, falls Sie geruhen, das An­ge­bo­te­ne zu geniessen. Immer ein Kapitel von 8. Jeden Monat kommt ein neues dazu, bis Kapitel 8, dann gibt's eine Saisonpause, und im kommenden Jahr geht der Reigen mit einem neuen Krimi los, den haben wir uns schon ge­si­chert. Die früheren können Sie fortlaufend im Archiv nachlesen, wo vorläufig nur die Ge­schich­ten von Gestern und Heute stehen.
     Und der Autor oder die Autorin? Vielleicht kennen Sie „Inns”, wie wir Deutschschweizer sagen können (die armen Deutschen halt nicht). Dann kön­nen Sie imm für die Erzählung danken, aber niemand nichts verraten (wie man auch auf Hauchdeutsch durchaus sagen kann und darf, siehe Du­den­gram­ma­tik). Vielleicht wiederholt Es Ihnen seinen Spruch, nachdem Es sich seine Kappe aufgesetzt hat: Ich bin das Einzige, das von sich sagen kann: das X unter dieser Kappe bin ich. Anscheinend genügt imm das, Autoreneitelkeit habe „Es” keine. Na, dann prost und än Guete!