Kapitel 8


Kapitel 8Warum Ärzte die grössten Detektive sind


AmbulanzDie Statistiker sind nicht müssig geblieben, sie haben Adam und Eva Mathis (die beiden wollen sich gütig beide die Zeit und die Mühe neh­men, uns bis zum logischen Abschluss des Falles zu helfen), Kuno Rahl, Udo Kahn und mir, uns fünf Aufrechten alle nur wünschbaren Wahrscheinlichkeiten und deren Pertinenz (Zutreffendheit hat sich auf Deutsch leider nicht durchgesetzt) aufgelistet nach Grad der Wahrscheinlichkeit, mit welchen sie zu einem Treffer führen sollten, von 0,85 bis 0,0001. Sagt Ihnen das was? Nehmen wir an, sie wären jung, „buschper” und ein Segen für Ihre Familie, gleich ob Mann, Frau, Tochter oder Sohn, und ihr intuitiver Hausarzt teilt ihnen eines Morgens mit, sie hätten ein malignes Myom, das sich in Ihr Gehirn gefrässig hineinbohre; ohne Intervention gebe er Ihnen noch ein halbes Jahr, bis aus Ihrer strah­len­den Gestalt ein sabbernder und lallender Jammerfetzen wird, dem man noch ver­sucht, Löf­fel­chen um Löffelchen dünne Bouillon gegen das Durstgefühl der Agonie ein­zu­flös­sen... Das war der Hammerschlag. Und dann ein Gongschlag, mild und harmonisch – Der weise alte Hausarzt fährt fort:

«Und nehmen wir an, ich sage Ihnen, weil ich es weiss und dessen sicher bin, dass eine australische Forschungsklinik der besten Sorte, in der ich vor Jahren Co-Leiter der Abteilung Hirnforschung war, diese Klinik also hat ein neues genetisches Mittel entwickelt, das Wunder wirkt. Es täuscht total die Viren, die immer wieder gesunde Mark­zel­len, kaum injiziert, rettungslos infiltrieren und im Nu zu Todfeinden ihrer Mut­ter­zel­len machen, zu Feinden ihres eigenen Körpers. Es täuscht sie so, dass sie sogar begierig nach dem Mittel haschen und ihm in geisselschwingenden, erregten Scharen entgegenschwimmen, in ihre Vernichtung schwimmen, weil: das Gegenmittel, für den Körper des Patienten absolut neutral, ja sogar leicht förderlich, tötet mit ma­the­ma­ti­scher Präzision genau die und nur die Virenspezies, die genau diese mörderische Eigenschaft hat. Und danach ist die/der Patient/in total und lebenslänglich immun und gibt diese Eigenschaft an alle Nachkommen in deren Genen weiter. Das logische Paradoxon: Das Schlimmste ist zuweilen das Beste, wenn man weiss, wann!!! Ich weiss es, und das Wann ist jetzt! für Sie. Wir entnehmen Ihr eigenes Mark, niemand muss für Sie leiden, und es ist nur ca. 1 mm3, ent­nom­men in den neuronenleitenden und -abschirmenden Kerben der Wirbelrippen zwischen dem 2. und 3. Sakralwirbel, wo ohnehin keine schmerzleitenden Nerven mehr vorhanden sind. Die minime Menge er­set­zen Sie locker in 1 Tag Eigenproduktion, auch Ihr Körper riskiert also nichts. Die hoch­stren­ge US-Zulassungskommission, die US Food and Drug Administration, sieht definitiv den Fall als ethisch dringlich empfehlenswert. Das Medikament ist in der Endphase der Versuchsreihe B2 mit einem Design von 10'000 projektierten Fällen, die Leitung hält noch ein knappes Dutzend Plätze frei für wissenschaftlich ausserordentlich ergiebige Fälle (Benign Exception Cases for Research), ich und nur ich in der Schweiz bin ermächtigt, einen solchen Fall zu platzieren, ich will Sie gerne empfehlen, ABER…


aaabeeeeeerrr???¿¿¿¿


Aber, sagt jetzt der gute Arzt und lehnt sich zurück, jetzt schon wieder gelassen und ruhig, ganz der gütige und weise Hausarzt von immer, aber ich habe einen Vorbehalt, weswegen nur Sie und Ihre Familie nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden müssen und können. Mein Zögern begründet sich nicht in der Natur der Krankheit, die hat ihren Schrecken in Minuten für uns beide verloren. Es handelt sich um eine foudroyant terminierende Lympho-Myelinose der extrem malignen Art. Unter allen schon per se extrem bösartigen Krebsen der Lymphgefässe ist es der allerübelste. Heute früh sind Sie gesund und fröhlich zum 7-Jahres-Routinechecking aufgebrochen und haben Ihrer Frau noch im Gehen zugerufen: „Und gäll, dieBileeh für't'Zauber­flötefürnöchschtiWuche hanichdänschoo, muesch nöd au ad't'Theaterkasse!”, und ihre strahlende Frau hat ihnen eine innige Kusshand nachgeschickt, um 8:05 hat Sie meine fröhliche Sekretärin zu mir eingewiesen, fröhlich lächelnd sass auch ich schon da, an meinem Schreibtisch, da sprang der Funke des üblen Verdachts in meinem Gehirn – ich habe auf diesem Gebiet eine Extremschulung in Wahrnehmung und Diagnostik, noch bevor das Bewusstsein folgt – und ich wusste: der Mann ist tot! Ich tröste noch seine Leiche und vor allem seine desolate Familie vor der Grablegung, das ist alles, was bleibt! Und zugleich sprang der Trost an und die Gewissheit: Ich kann und will ihn retten. Aber wenn alle Beteiligten das wirklich wollen, dann müssen sie auch ein letztes ABER vor der Erlösung kennen: ABER auf 135'000 Patienten, die seit 3¼ Jahren jeweils in 100er-Kohorten aus der ganzen Welt nach strikte medizinisch statistischen Kriterien in eigens dazu lizenzierten und dotierten Kliniken überall auf der Welt behandeln wer­den, zusammen mit freiwilligen Nichtbeteiligten, in ihrer üblichen Umgebung le­bend, nur mental konditioniert und nur ideell zu Kohorten zusammengefasst, denen das Medikament überhaupt nichts anhaben kann, denn Sie bekommen überhaupt nix davon, einfach nischts, nada, beans, gab es 2 total unerklärliche Todesfälle, die nichts mit dem Medikament zu tun hatten, denn sie waren externe Freiwillige und bekamen gar keine Impfung. Kleiner Einschub des Autors: Wie man sowas machen kann, versteht man erst wirklich, wenn man ein Statistikstudium für Higher Statistic Methods cum Bernoulli et Fermi durchgestanden hat. Verstehen Sie jetzt zumindest, warum ich Daniel Bernoulli um seine postume Hilfe gebeten habe, die er uns freundlichst gewährt, seien Sie dessen gewiss!

Ihr ABER, die Guillotine, halten Sie aber noch mit erhobenem Arm über mir, Herr Doktor. Wollen Sie das nicht endlich ablegen? Sonst werden Sie mir noch müde, und ich brauche Sie noch, um mich zu erholen, bevor Sie mich entlassen.

In 2 von ca. 135'000 total geheilten Fällen haben wie einen Adult Sudden Death erlebt, totales Aussetzen des Herzens zwischen Sekunde 1 und Sekunde 2, ohne irgendeine erkennbare organische oder medizinische Ursache, denn es waren zwei Freiwillige, die gar nichts bekommen haben.

Ja und jetzt? Wo steckt der Wurm? Zweifeln sich doch am Me­di­ka­ment?

Nein, UND wir müssen dennoch weiterforschen, ob doch ein Zusammenhang mit dem Versuch besteht, nicht beim Medikament, dessen sind wir uns sicher, sondern bei einer rein mentalen Komponente der Verabreichung seitens des Arztes. Denn wenn so ein Zusammenhang realiter besteht, dann könnte er weit mehr als 3 Todesfälle/Jahr ver­ur­sa­chen, dann würde das Medikament Tausende von Todesfällen verursachen, weil es dann Hunderten von Millionen von Patienten als Impfung injiziert würde: eine einzige winzige Spritze in den Oberarm, und nie im Leben können Sie überhaupt erst von dem Killervirus befallen werden, es muss definitiv ausgerottet sein bis ins Jahr 2060, dieses Ziel schmeisst uns die US DAFAdmin an den Grind und will uns mit aller Gewalt dorthin bringen, und wir wollen eh schon dort ankommen, noch so gerne, dieses Virus muss aus der Evolutionskette ausgerottet werden, ein für allemal!

Ja, aber jetzt, Doktor, wenn Sie schon an allem zweifeln, wieso nicht auch an dem Medikament? Könnte da nicht Autosuggestion...

Halt, halt, halt, mein Lieber! (und er streckt mir tatsächlich den rechten Arm mit hochgestreckter Hand entgegen und senkt ihn nur ganz langsam). So einfach macht es Ihnen Ihr alter Dottore nicht, wenn es bloss das wäre! Das Medikament ist so genial konzipiert und entwickelt, dass es nur richtig oder falsch sein kann, das heisst, es wirkt bei allen oder niemand, mit aller Houdini Suggestion aller Houdinis der Welt. Denn es heilt den Patienten, bevor er erkrankt!

???

Die genialen drei Erfinder haben zuerst einen hauchdünnen Stick entwickelt, der aus jeder Blutprobe, ob aus Organen, Blutgefässen oder an der Körperoberfläche entnommen, das Killervirus bereits entdeckt, wenn nur eben erst eine minime Menge von 10—20 Viren eingedrungen ist. Das Virus überlebt nämlich, das ist der Witz, nur sehr kurze Zeit ausserhalb der Wirts­or­ga­nis­mus und es ist exakt auf Menschen zugeschnitten. Nach ein paar Tagen Aussenleben zerfällt es, denn es hat keine Schutzhüllen für seine genetische Substanz, es besteht nur aus den Killergenen und spielt auf alles oder nichts. Hat es jedoch grössere Bevölkerungsmengen infiziert, explodiert die Reproduktion wie bei anderen Viren und dann rottet es halbe Kontinente aus, bis ein paar Überlebende immunisiert sind und der Langzeitzyklus von vorne beginnt. Also: man muss es mit umfassenden, regelmässigen Stichproben erwischen, bevor es endemisch wird, und im einzelnen Organismus, wenn es erst in minimen Mengen eingedrungen ist.

Aber Sie können ja nicht alle Menschen in einem Gebiet ständig testen, und wenn die Viren einmal eingedrungen sind, explodieren sich doch, oder?

Nein! Da kommt uns eine zweite Charakteristik des Virus zur Hilfe: es hat eine In­ku­ba­tions­zeit von bis zu einem Jahr, und während der ersten 3—4 Monate erkundet es geduldig die Abwehr der Befallenen, vor allem die T-Körperchen, und pickt sich daraus alle relevanten Gene heraus, die seine Aktion behindern könnten, und gegen die es Antikörper produziert. In dieser Zeit reproduziert es sich kaum, löst also auch keinen Generalalarm aus, gegen den es mit seinen wenigen Voraustrupps mit unfertigen Beta-Versionen von Waffen kaum Chancen hätte. Erst wenn es seine Sciencefiction-Be­waff­nung fertig entwickelt hat, legt es los und geht in die Massenproduktion, und dann hat kaum noch ein einziger Antikörper des Wirtsorganismus die geringste Chance zum Wi­der­stand. Nach 7 bis 8 Monaten, längstens einem Jahr, ist es so weit: am Morgen stehen vielleicht die Träger noch scheinbar total gesund auf, am Mittag wird ihnen auf einmal schwindlig, am späten Nachmittag ein kurzer Aufschrei und sie sind tot, von einer Sekunde auf die andere: Herzvergiftung!

Ich fange an, zu verstehen...

Dacht' ich's doch, ich habe da einen sehr guten Patienten vor mir! Denn jetzt erst, nachdem sie die Wirkungsweise des Virus restlos aufgeklärt hatten und es mit Sicherheit nachweisen konnten, haben die Drei Genies ihr Medikament, an dem sie ebenfalls schon parallel sei 10 Jahren arbeiteten, fertig entwickelt: ein lebendiges sogenannt kastriertes Virus, total unschädlich und das auch in höheren Dosierungen nicht einmal ein kurzes Nasentropfen oder eine Rötung der Iris verursacht, das aber jedes Killervirus penetriert, weil es die Alarmsysteme ausser Kraft setzt. Es penetriert sofort die Virengene und funktioniert sie zu Killern für ihre eigenen Artgenossen um. Von da an übernimmt das Killervirus selbst seine Selbstvernichtung, deshalb reicht eine einzige Verabreichung und eine so kleine Spritze, dass man auch Babys ab 3 Monaten und Schwangere bis zum 7. Monat impfen kann.

Also ein vertretbarer Aufwand: in besonders gefährdeten Gebieten mit geschultem einheimischem Personal, das Vertrauen geniesst, die Tests vornehmen und zugleich die Impfungen, und danach nur noch 4 Mal im Jahr etwa 2 Jahre lang testen. Und dass es klappt, haben die parallelen Tests, von denen nicht einer negativ verlief, bereits be­wie­sen…

Seit Beginn der Anwendungsexperimente vor 3 Jahren (also nach 7 Jahren Labortests) wurden bereits 135'000 Menschen weltweit immunisiert und bei keinem wurde seither die geringste Spur eines Killervirus gefunden, nur Antikiller-Viren, denn die produziert der menschliche Körper noch jahrelang weiter.

Aber, aber, aber, Herr Doktor (unterbreche ich ihn jetzt schon leicht ungeduldig), ich fühle mich immer noch auf dem Guillotineschragen angebunden und ein schon durch­sich­ti­ges, aber scharf geschliffenes ABER schwebt immer noch über meinem Haupt!...

Ein UND, nicht ein aber, mein Lieber! UND deshalb kontrollieren wir jetzt wie Heftlimacher, ob sich in den Trillionen von Berechnungen unserer statistischen Fol­ge­run­gen ein Wurm tummeln könnte, damit wir auch noch den letzten Zweifel aus­ge­räumt haben, bevor wir durchstarten. UND ich werde Sie jetzt nicht entlassen, sondern Sie suchen Ihre Frau zu erreichen, erklären ihr die Sache so, dass sie mir nicht als Bodenseereiterin hier landet, und dann werde ich Sie ganz ruhig auf meine Liege hier in der Praxis abliegen lassen, meine Medizinal-Sekretärin, die aufgrund der Länge unseres Gesprächs schon Bescheid weiss, wird sich freuen, mir bei dieser Rettung eines modernen Jonas, noch bevor er ins Meer gefallen ist, zu assistieren, und ich werde Ihnen in Anwesenheit der beiden Damen die erste von 10 Spritzen geben, 10 Tage täg­lich um ½9 Uhr morgens auf die Minute hier bei mir. Ich würde empfehlen, dass Sie sich für die Zeit im Geschäft abmelden. Ich schreib das dann schon so, dass sie als zu feiernder Held herauskommen: besonders geeigneter Patient gewählt für Teilnahme an extrem wichtigem und prioritärem wissenschaftlichem Experiment, etc. Ist erst noch wahr!

Wieso 10 Tage? Ich dachte, es gebe nur eine kleine Dosis? Wo ist da der Wurm? WAS werden sie mir noch aus dem Zylinder zaubern?

Schon die ängstliche, gehetzte Art, wie Sie dieses WAS? ausstossen, sagt mir alles. Schauen Sie sich doch selbst an, in diesem Spiegel: Sie sind schon eine mentale Jammergestalt und sind doch „gesünder geht's nicht mehr”, ein Protz von einen Trumm von einem Mann! He, Jo? Aren't that you are yee? Jo, the fearless of the fearless, quickyer'thn its shadow, the unvincible Joe the Doctor and Sheriff by its one? Sie fangen an zu lachen, und wenn jetzt dann gleich Ihre Frau noch ganz entspannt rein­kommt, werden Sie sie mir nicht zu Tode erschrecken, denn auch um sie und um Ihre Kinder muss ich mich kümmern.

Alles gut, nur ihr grosses ABER schwebt noch irgendwo herum.

Nur ein mentales, es bezieht sich auf das, was sich in Ihnen in den nächsten 10 Tagen abspielen könnte und was ich aus der Erfahrung meiner Kollegen mit Tausenden von Patienten weiss: Heute wird es ab jetzt noch ganz munter weitergehen, ich darf Sie ohne weiteres allein mit Ihrer doch schon leicht gezwungen lachenden Frau und den allzu fröhlichen Kindern zu Fuss die 500 m nach Hause lassen. Morgen schau ich genau, ob Sie meine liebe Assistentin nicht vorsichtshalber, ausnahmsweise für einmal... jedes an seinen Bestimmungsort fahren soll, übermorgen werden Sie mich darum bitten, und die letzte Nacht vor dem definitiven Bescheid nach dem Ende der Kur – der ja nur eine Formalität ist, wir wissen, dass Sie schon heute Nacht gesund sind – werden Sie alle zusammen weinen und beten und den Lieben Heiland bitten, er solle das doch bitte, bitte, bitte nur einen bösen Alptraum gewesen sein lassen! Zehn Tage Hölle und dann vergessen Sie alle fast augenblicklich alles, ein müder Witz, wie war das schon? Und erst Jahre später sind Sie alle wirklich fähig, wirklich zu verstehen, was ein gnädiger Gott oder wie Sie Ihn nennen wollen an unverdientem Segen überreichlich verschenkt hat und werden sich jeden Tag mehr fragen, wie Sie Ihm und Ihren Mitmenschen das vergelten können.

Verstanden: Bodenseereiter, der Schock lässt sich nicht wegimpfen. Aber jetzt, wo ich's weiss, werde ich mit meiner Familie die Sache frontal angehen mit einer paradox ka­ta­stro­pha­len Mentalmethode, die uns schon bei anderen Gelegenheiten geholfen hat. Und Sie, lieber Herr Doktor, Sie Schelm, haben mir ja soeben die erste Dosis davon verabreicht, so geschickt haben Sie Ihre Mitteilung dosiert! Ich schätze, in 3 Tagen haben wir auch das mentale Virus gekillt. »

Wie Sie vielleicht den exakten Details der dialogischen Schilderung schon entnommen haben (solche exakten Details sind schwer zu erfinden, auch für einen guten Autor wie mich, äksküsi), ist diese Fallschilderung nicht erfunden, nur wirksam verschlüsselt und variiert, hat sich in meinem Bekanntenkreis abgespielt und mich ordentlich erschüttert, und um wen es sich handelt, geht niemand was an, denn die Familie streut wenn schon höchstens Impfstoff, aber sie will begreiflicherweise nicht mit dem Finger gezeigt werden. So bin ich mit dem Thema in Berührung gekommen, habe mir von da an sehr viele professionelle Kenntnisse angelesen, mit Spezialisten gesprochen, und glaube daher, dass meine Schilderung zumindest tauglich ist.

Und jetzt? werden Sie fragen: Wo bleibt der Krimi? Der eingeschobene Medizinalkrimi – zugegeben, ein sehr spannender – füllt schon die Hälfte des Kapitels, es wird knapp für eine gute Auflösung... — Danke für Ihre Sorge um diesen Krimi, der scheint Ihnen ja schon ans Herz gewachsen zu sein, freut mich sehr. Aber als Autor habe ich mir die Chose natürlich schon lange vorüberlegt und die Einleitung war genau das, was Sie nun brauchen werden, um den Dreischritt der Lösung zu verstehen:

(1) Bis der/die/das Gesuchte gefunden ist, alle andern Umweltkontakt möglichst auf 0 reduzieren, um nicht die falschen Hasen aufzuscheuchen.

(2) Das Problem auf seine genetische Kernsubstanz reduzieren.

(3) Alle Suchbewegungen im Suchareal auf die Kernfragen reduzieren.

Diese uralte Methode hat die moderne Medizin zu bisher ungeahnter Brillanz gebracht. Es gibt kaum bessere „Detektive” als moderne Spitzenärzte. Schon der brillante Schöpfer von Sherlock Holmes ging nach den gleichen wissenschaftlichen Prinzipien vor.

Nun also zügig zur „Behandlung” unseres Falles. Wir haben im letzten Kapitel angenommen und wollen daran festhalten, dass der gesuchte Täter zu panischen Angstattacken neigt, bei denen er ausser Kontrolle geraten und sogar selbst an Herzstillstand sterben kann. Mit der Anwendung von mentalen Schocktherapien müssen wir daher äusserst behutsam vorgehen. Besser vorläufig ganz darauf verzichten und dafür den Dreischritt der Recherchen in Reinform anwenden. Davon wird ja der Opfertäter zunächst überhaupt nichts erfahren, er hat kaum Antennen, um unsere mentalen Bewegungen oder die garantiert getarnten Bodensensoren zu entdecken, die wir in Form winziger Kiesel auf unseren normalen Fahndungsgängen unauffällig streuen und unter den Moon-Boots-Absätzen in den Schnee oder den Matsch drückten. Keiner kann sie sehen. Wenn jemand einen, kaum halb so gross wie eine Kaper, aufhebt, ist's ein Kiesel, greift sich wie ein Kiesel, ist gleich hart, kann sich in jeden Kiesbelag integrieren und dort weitersenden. Man müsste ihn unter speziellen Rastermikroskopen untersuchen, um seine piezoelektrische Schichtung zu entdecken (Sie wissen: die Taschenlampen mit Hebel, den man rasch ein paarmal pumpt, und dann leuchtet das Stablämpchen wieder: lassen Sie sich erklären, warum. Die Erfindung belebt auch ihre Armbanduhr, die ohne Batterie jahrelang exakt weiterläuft). Empfangen und Senden erzeugen in dem Kiesel Wechselspannungen, die sich in minime, aber doch fernreichende Radiowellen umsetzen, es genügen ein Dutzend Zwischenempfänger, welche die Wellen auffangen, von Störsignalen reinigen und an den Empfänger in unserem Kulturscheune-Bunker wei­ter­lei­ten, und schon haben wir in ganz Witikon Fernohren. Zu Ihrer Beruhigung: Wer immer zur Stammbevölkerung gehört oder hier geschäftet oder einkaufen kommt, ist bereits ausgefiltert, von dem hören und sehen wir nichts. Wozu auch? Das wäre Schlaf­zim­mer­voyeu­ris­mus, kommt nicht in Frage!

Dennoch war auch mir als Detektiv sehr schmuch zumute, als wir 4 Aufrechten be­gan­nen, unsere Reduktionsmethode konkret anzuwenden. Es ging uns wie vielen Impf­pa­ti­en­ten in der Kampagne gegen das Killervirus der Lympho-Myelinose, wir wurden ständig von dunklen Ahnungen und sogar Alpträumen heimgesucht. Madeleine hat mir in dieser ganzen Zeit (immerhin wurde es Februar 2050 und der Winter war schon voll aus­ge­bro­chen), Madeleine hat mir in dieser ganzen Zeit sehr geholfen, wirklich geholfen, und ich habe sie auch mehr und mehr und erst so in ihrer vollen fraulichen Grossmut und Reife und Begabung kennen und angemessen schätzen gelernt, aber auch das will ich hier nicht weiter ausführen, nur beifügen, dass wir sie und Udo und alle die genialen Jungen aus unseren Recherchen sorgsam ausgelinkt haben, um auch die geringste Gefahr für sie abzublocken. Die junge Generation war die Trägerin all unserer Zukunftshoffnungen, sie durfte auf keinen Fall auf welchem Suchbildschirm auch immer erscheinen. Ich schildere das jetzt, um die lastige Materie etwas aufzulockern, mit einem Barock-Ballett-Dreischritt:

1)Avancez, Mesdames!

2)Reculez, Messieurs, je vous prie!

3)Re-avancez Messieurs et rejoignez vos Dames et joignez-vous à elles et faites-leur la courbette!

Avancez, Mesdames – 21.11.2048: Anfangs November 48 hatte uns eine konsolidierte 20-Tag-Prognose der Wetterstation Dübendorf für den 21. intensiven Nebel vom Zü­ri­see­bas­sin bis zum Kamm der Lägern vorhergesagt, ab ca. 5 Uhr morgens sollte das Nebelkissen schon komplett sein. Auch die zahlreichen Strassenlaternen, sogar die LED- und die Neon-Argon-Lampen würden matt wirken, mit einem Mondhof um die Leuchte und einer gedämpften, irisierenden Lichtabstrahlung, 20 m von einer Leuchte entfernt würde man Passanten in der Nacht nur als verschwimmende Schatten vorbeigeistern sehen, und kein Mensch würde stehen bleiben, um misstrauisch den fleissigen Reklame-Verträgerinnen von Producer to User direct PR nachzuäugen, die in einem Quartierspickel nach dem andern von Haus zu Haus flink wie die Wiesel die Briefkastenklappen sachte anhoben, ihre schmales Reklamebündel hineingleiten liessen, die Klappe unhörbar wieder anlegten und im Eilschritt schon beim nächsten Eingang landeten, bevor man ihre Mocassinsohlen überhaupt vernehmen konnte. Die waren ohnehin so leise, dass ihr fluff! fluff! fluff! die Nebelsuppe nicht zu durchdringen vermöchte. Genau dieses Szenario brauchten wir, um einen Merkzettel der Witiker Wäschpistächer an alle Anwohner/innen zu verteilen. Sie werden ihn gleich sehen. Die fleissigen Verteilerinnen hatten zudem noch die seltsame Weisung, am Siedlungsrand eine ordentliche Menge Flugblätter scheinbar achtlos auf Schnee, Matsch, apere Stellen und an den Waldrändern zu streuen. Wir konnten ihnen diese Anweisung geben (und ihnen dafür auch einen guten Batzen stecken), weil sie und uns eine langjährige Komplizität zu beiderlei Vorteil verband und sie beamtete Dienstleisterinnen und daher an ein striktes Schweigegebot gebunden waren. Auftraggeberin war die Stadt, und die deckte uns und sie ohnehin bei gemeinnützigen Aufträgen.

Sehen Sie selbst, ob unser Dispositiv nicht clever angelegt war: die mussten doch einfach anbeissen auf unser Flugblatt! Wenn Sie es dann endlich gelesen haben, werden Sie verstehen, warum. Und weil alles so gescheit aufgezogen ist, hat uns die Feuille­ton­re­dak­tion der Webpage ausnahmsweise ein neuntes Kapitel gewährt, wir haben also reichlich Spazi, um die versprochene glückliche Auflösung zu bringen!

Schlussschlinge