Kapitel 7


Kapitel 7Dem Urschlamm entstieg ein Leviatan!


Sherlock Holmes SilhouetteUm den nächsten Ausgangspunkt für unsere Fahn­dung zu finden, müssen wir ein paar grosse Geister zur Hilfe rufen, zunächst für die Scheinlösung, die keineswegs eine Wegwerflösung sein muss. Ir­gend­wann braucht es in jeder Entwicklung eine Phase mit einer auf den ersten Blick total unsinnigen Ab­wei­chung: Ihre mittlere Tochter, der Sonnenschein der Familie zwischen dem älteren Bruder, der sein Erst­stu­di­um abgeschlossen hat und demnächst sein eigenes Nest gründen wird, und der jüngsten, die sich, vom Pappi-Bruder reichlich verwöhnt, von der älteren Schwester streng, aber liebevoll trainiert („So, jätzt machschm'r no die Ufzgi vor em Pfuuse, morn isch z'schpaat! Schatzeli, verzälld'r'defür esguetNachtG'schichtli”) badet noch wohlig in der Kindheit, bis sie eines Tages, viel früher als erwartet, am gleichen Tag, mit 5, mit der Lehrerin in der Klasse schwimmen lernt und am selben Tag gegen den Befehl der Lehrerin köpflings im Dolder Wellenbad von 10-m-Turm in einen Knoten der aufbrausenden Grundwelle springt... Die jüngste Schwester also löst mit hellseherischer Weitsicht ihren ersten Krimifall. Sie hat den Toten im Elefantentobel gefunden, hat selbständig die Szene abgesichert, die Kripo gerufen und dem Kriminalkommissar, der seinen Ohren nicht trauten, nicht nur den entscheidenden Initialtipp gegeben, sondern auch eine Reihe freundlicher, aber be­stimm­ter Empfehlungen. Der Kommissar, auch ein genial intuitiver, folgte weitgehend ihren Spuren, und der sehr vertrackte und menschlich äusserst delikate Fall war in drei Tagen gelöst. Heute ist die junge Dame, kaum erst 18 geworden, fest angestellte, auf 10 Jahre inamovible oberste Pressedelegierte des grössten Lebensmittelmultis in der Schweiz und Prima inter pares; die Konzernleitung ruft sie in besonders heiklen Situation gerne zur Konsultation und sagt, sie treffe es immer. Schauen Sie sich um, es gibt mehr solche junge Frauen, als Hans Einfältig und Myrthalinde Jömmerli es sich träumen lassen in unserem Schwitzerland. Ja, und das Beste, wir kennen sie ja schon, es ist die Mailschreiberin von New York. Mails senden von New York auf Englisch kann man auch, wenn man keine Amerikanerin ist, sondern eine 18-jährige Maturandin nach der Abschlussprüfung, die dort als Belohnung seitens ihres spendablen Papas 3 Wochen mitten im Oktober verbringt. Die ist jetzt nämlich zurück und hat mir sofort telefoniert: „Erinnern Sie sich noch, das Mail, aus New York — 't'sevident, dear Lady, 'vidently I do! — Und könnten wir uns vielleicht... — We'd have a long entertainment, shouldn't we? May this be localized at my home at 77 Buchzelg Street today, at 4 zero zero pm? — Yeaaah! And I'll bring an Appel Kake my Mother made extra for Yee, 'cause she's a great Fan of Lectrice of yee, y'know!”

Aha! Sagen Sie sich, das ist jetzt also die Agatha aus New York, von der im Kapitel 5 die Rede war? Jawohl, sehr zu Diensten, das ist sie, und ich sitze jetzt eben in meiner behaglichen Wohnküche aus warmem Gotthardgranit, mit offener Durchreiche in den Wohn-Ess-Bereich für liebe Gäste, und darf mit dieser vielversprechenden Witiker Ap­fel­blü­te den Cake Ihrer gütigen Frau Mama futtern und ungeheuer lehrreiche Gespräche führen. Sie wird, das weiss ich schon und sie weiss es ebenfalls voraus, ohne dass wir es aussprechen, den entscheidenden Denkfehler machen, die tollkühne Hypothese, an die niemand zu denken wagte, der Wahnsinnseinfall, der sich als Schlüssel erweisen wird, der einzige, mit dem sich die Pforte zur richtigen Lösung dann wenig später wird öffnen lassen. So schickt heute jedes von uns vertrauensvoll mit einem Schlüssel, der uns geliefert wird von einem Automaten, der allein weiss, wie er ihn hervorzaubert, an eine(n) Gschpusi­part­ner(in), welche/r die Botschaft mit seinem Schlüssel instantly entziffert – auch es ahnungslos, wie das passiert: sie und ihn interessiert nur die unmittelbare Botschaft: « Hätt like 1 Bärnerröschti, h no Härdöpf? >< söll ich bring? Confirm please! Bienli. » simsle ich. Ein ganzes Kapitel junge Liebesgeschichte in wenigen Hieroglyphen. Genauso wird Mat­hil­de Grüninger, die Witiker Apfelblüte und Junggenie, dem von ihr vermuteten Täter in Ebmatingen ZH spätabends heute, 7. November 2048, eine für ihn höchst bedrohliche Anfrage schicken: « Häsch no dyni Ω, Chérie, ma Bouffie? 23:11 » - Hast du noch... er wird Drahtschlinge lesen... Und dann wird er Verschlingende Mutter lesen, die Rolle wird er spielen müssen, obwohl er weiss, dass das sein Untergang ist, und dann: meine Auf­ge­dun­se­ne (er wird denken: wie ein Mordopfer, das ich lange unter Wasser gehalten habe). Grauslich, aber paranoide Zwangstäter denken in solchen Symbolen – auch, vor allem! wenn sie hochintelligent sind. Madeleine will ihn weder umbringen noch sich vom ihm den Kopf mit der Drahtschlinge unter Wasser drücken lassen. Sie wird weder um 23:11 noch überhaupt in dieser Nacht noch in keiner der folgenden erscheinen, sondern ihm am helllichten Tag durch einen sympathischen Pöstler eine grosse Schoggitorte bringen las­sen, sein Lieblingsessen. Und wenn er die runtergedrückt hat und auf das Eintreffen der Strafe, die quälenden Symptome einer Arsenvergiftung wartet (denn die Mutter wird ihn unbedingt strafen), dann passiert ihm nichts und bald merkt er, dass ihm sauwohl ist und er ungestraft fressen durfte. Und dann... Das erzähl ich Ihnen jetzt nicht, es kommt dann der Reihe nach bis zum Clou.

Was ich jetzt gleich ergänzen muss, ist, dass Madeleine Grüninger aus Witikon die Rolle des sympathischen und vertrauenerweckenden Postboten mir zugedacht hat, sie finde mich sogar wahnsinnig sympathisch und ihre Mutter ebenso. Nett von ihr, ausgesprochen. Für mich zieh ich natürlich den Aktionsrabatt gleich ab, nehme es als A-Konto-Kompliment und sehe mal zu, wie ich die nötige Show glaubwürdig hinkriege, ich will ja nicht nur einen Täter fassen, sondern auch einen Mitmenschen vor Schaden bewahren. Springen wir gleich in Medias Res, es ist der 8.11., 10.05, um diese Zeit machen die Postboten oft im Trichtisal-Bezirk Morgenrunden mit ihrem E-Dreirad. Ich drücke auf dem Läuttableau links neben der Eingangstüre einer gediegenen Wohneinheit im ge­die­ge­nen Alterswohnheim der Ge­mein­nüt­zi­gen und Wohltätigen Rhon Salvisberg Ge­sell­schaft AG, Eingang zugleich für die Wohnungen unter 5A (links) und 5B (rechts, mit gleichem Treppenhaus, das sich auf jeder der drei Wohnetagen in zwei Aussengalerien verzweigt, von wo man bequem und vor Regen geschützt die Wohnungstüren erreicht). Alles in Glas, Lindenholz und hellgrauem Marmor, wohnlich und liebevoll, so richtig bergend für gebrechliche Altsemester und schreckhafte Neurotiker von 15 bis 100, auch die dürfen hier wohnen! So steht das also mit unserem Täter, er ist, dass weiss ich als Vor­in­for­ma­tion, ein Extremautist, wohnt bei seiner gütigen Mutter, die ihn bis jetzt (sie ist 90) durchgetragen hat, aber jetzt nicht mehr so mag und dringend einen vertrauenswürdigen Hilfsbetreuer sucht, für den sie nicht ihr ganzes Vermögen ausbluten muss, denn nach ihrem Tod muss ja ihr lieber Sohn finanziell gut gepolstert sein. Er, ein Genie von 24 Jahren, Ex­trem­in­for­ma­ti­ker und Verschlüsselungs-Spezialist, zu keiner konsistenten Anstellung fähig, weil ihn ein Bostitch, der schlecht an einer Schreibtischseitenwand heftet und zu Boden schwebt, als einer das Fenster öffnet, in eine Extrempanik versetzt, weil er einen Donnerschlag ver­nimmt: Hyperakousie, übersensibles Gehör, er hört zugleich genauer und tausend Mal lauter als wir. Nur in den vertrauten Wänden, unter den liebevollen Fittichen seiner lieben Mutter, ist die Lautstärke völlig normal und die Lautschärfe ein geniales Spielzeug, mit dem er in Eigenforschung experimentiert. Darauf spekuliert Mathilde von Witikon, sie will damit sein Selbstvertrauen in klugen Schritten boosten. Aber zuerst musste sie seine Wi­der­stän­de (er ist ein unglaublicher Stieregrind) mit einem Hammerschlag brechen ohne ihn selbst zu zerbrechen. Das war der Zweck des bedrohlichen SMS. Eine neue Methode des Progressive Acting Out, die Neurologen vor kurzem in New York an der New York State University entwickelt haben und gerne an angenehmere Mitmenschen wei­ter­rei­chen möchten als die Militärs der West Point Academy, die daran höchlichst in­ter­es­siert wären.

Jhr 2048 Mo Nov. 8 TZ AM 10:18:06 0151 — und ich läute zum 3. Mal, diskret, kurz, in gleichmässigem Abstand. Unangestrengte Regelmässigkeit versetzt Extremgenies der autistischen Sparte in eine Vertrauensstimmung, sie schauen dann mindestens mal zum Fester raus. Sollte meiner auch tun, von der zweiten Etage, ich habe Fühlaugen im Hinterkopf (Hypermetrie: ringsum exakt gefühlte Umwelt bei null Sichtweite und null Sicht, gibt es tatsächlich) und habe die hauchleise Bewegung eines Vorhangs im Stock A2 schon bemerkt, und auch dass der Inhaber der Hyperakousie B2 mich auf Parterre A2 längstens und mit Sympathie wahrnahm, und wusste, dass ich wusste und wir beide wussten, dass wir wussten. Da schloss sich bereits die erste Spange um uns. Jetzt musste ich mit dem eigentlichen Warten beginnen, locker, aufrecht, entspannt, und bereits mit ersten Bewegungen: Ein Schrittchen unter dem Empfangsbaldachin vortreten, auch dem Absatz mit leichter Eleganz drehen und in eine ganz andere Richtung als angedeutet zwei Schritte ins Grüne, wie einer, der sich im Kopf lächelnd einen Ohrenwurm flüstersingt und darob vergnügt lächelt, dann vorne auf der Geraden zurück und über die Aus­gangs­po­si­tion weiter auf der Gegenseite: „Bald kommt meine Sendung, bald öffne ich den Briefumschlag!” Sehen sie sich selbst auf eine Freundin, einen Freund warten, mit dem sie nur ein paar Stunden in der nahen Beiz vergnüglich plaudern wollen über dies und das, sonst gar nichts, aber jedes Mal kehren Sie danach irgendwie „repariert” und voller Frische heim und freuen sich einfach über den schönen Tag? So etwa. Dann weiss Ihr Freund Autist nämlich, der mag mich und ich ihn, und wir sollten weitere Seiten von uns einander zeigen.

Jetzt ist aber da eine Komplikation, oder vielleicht eher eine Bereicherung? Ihr neugebackener Freund ist nämlich nicht allein, sondern auf eine jemandin, die ihm viel näher steht, eine frische junge Sie, die er gerade dabei ist, für sich zu erobern oder vielleicht schon erobert hat und sie ihn – „seltsame Art, werden Sie sagen, mit einer Drahtschlinge unter Wasser!” Aber das sind bei Autisten alles symbolische Vorgänge, unserer würde keiner Fliege ein Haar krümmen. Zunächst braucht's einmal die Entspannung der Schoggitorte, dich im eben übergeben habe. Er hat sogar danke gesagt und den Empfang bestätigt, für einen Autisten gegenüber einem Unbekannten eine unerhörte Leistung! Dafür weiss er jetzt, dass sein „Bienli” ihn mag und träumt davon, dass sie bald selber ins Haus fliegt.

Jhr 2048 Mo Nov. 9 TZ AM 09:10:11 0111 — Jetzt steht wirklich sie unten, tippt auf dieselbe Klingel, tippt, ganz leicht, fast zärtlich, als Suchende. Er „spienzelt” von oben, schon in Einklang mit ihr, wartet gar nicht erst das diskrete Aushallen des schönen Cis-Gis-Gongs im Vorraum ab, sondern saust im Vierstufensprung zur Eingangstür, vor der sie wartet, reckt als Dein-älterer-Bruder-mag-dich–auf-jeden-Fall seine volle Statur ihre vollen 197 cm hoch, Bürstenschnitt nicht mitgezählt, und sie? Sie steht immer noch da, unwiderstehlich „naiv” und gewinnend, nicht bloss „herzlich”, wie's im Konzept stand, das wir am 7. ausgearbeitet hatten, sondern schon glühend verliebt. Da hat Amor das Konzept eigenmächtig umgeschrieben. Und er, gegengleich brennend, sagt dann noch seinen Stummelsatz, jubelnd wie ein seeliger Geist in der Warteschlaufe: Jaaaa?!? und sie, rollengemäss: „Und hier Ihre ausgebildete Hilfspflegerin, bestellt und schon geliefert!” Aber da brennt sie schon lichterloh, mit Trummscheiten für ein Leben und darüber hinaus, und bei ihm steht der Stromboli kurz vor einem Flammeninferno. Und was tun so zwei, die noch nicht losbrennen wollen, um Madame Maman, die zwei Zimmer weiter diskret in ihrem Schlafgemach geblieben ist (auch sie weiss es schon lange voraus, länger als die beiden verliebten Küken im Appartement), was tun sie, um Madame nicht durch Freu­den­schreie zu erschrecken oder umgekehrt neugierig anzulocken? Also was tut man: einfach schweigend voreinander stehen, mit strahlendem Sonnengesicht und hängenden Armen? Man sollte doch etwas Besseres erfinden, bevor Verlegenheit aufkommt. Flirten? Ist was für übliche Tunten (denkt er), zum Vernaschen oder Sich-Vernaschen-Lassen. Nach beidem ist ihm nicht im Sinn, er will eine volle Frau, die Frau für's Leben, die einzige Auserwählte bis in den Tod und darüber hinaus. Und sie weiss schon cool, was sie will: Ihn, mit allem, was auf dem Beipackzettel steht samt allen Optionen, alles an ihm ist gut und lecker, die Entscheidung ist längst gefallen! Jetzt wäre es nicht unklug, näher zu kommen, aus purer Freundlichkeit. Also, gemächliche Annäherung, Arme schon leicht angehoben. Aber oha! Da haben sie die Erdbeschleunigung nicht einberechnet, die beiden naiven Zerstreuten, die schwere Gaia, die Erntegöttin der Fruchtbarkeit, welche diese vielversprechende Gen­kom­bi­na­tion unbedingt auf einen Nenner bringen will. Die umfasst jetzt die beiden und presst sie zusammen, dass sie fast die Besinnung verlieren. Im letztmöglichen Moment federt Gaia dann die Beschleunigung zu einer zärtlichen Berührung ab, und jetzt liegen sie schon aneinander, und jetzt sind  s i e  es, die ihre kräftigen Arme sich gegenseitig umklammern heissen, um in den wonnigen Abgrund eines endlosen Zungenkusses zu tauchen.

Nur Connaisseuses und Connaisseurs lesen diese Zeilen, Sie und ich wissen, wie's weitergeht seit Eva und Adam sich erkennen und nicht bloss verzehren. Und bei diesen beiden hochbeherrschten Genies geht das sehr gesittet zu: Moment, sagt er ganz lieb, er wolle noch seine Frau Mama verständigen, dass sie beide jetzt nicht gestört sein möchten — Aber sicher, strahlt die Maman, sobald er zu ihr ins Zimmer tritt und ihr die Botschaft ins Ohr flüstert: ich habe SIE gefunden. — J'en suis si heureuse pour vous deux, et pour moi donc! — Merci de nous laisser le temps de mieux nous connaître jusqu'à... disons demain, dix heures. — Mais trèèèès volontiers, autant que vous voudrez, c'est essentiel, indispensable. Je tiendrai prête une petite collation, un buffet gourmet pour mes deux tourtereaux, à partir de 10 heures? C'est bien? Dès que vous serez là, je vous préparerai des flans minute au Grand Marnier, de mes propres main, bien entendu, je vous adore tellement! — Maman, ma Mie, flüstert er ihr noch ins Ohr, dann trägt er bereits Madeleine auf Armen, drückt die Klinke seines und jetzt ihres Schlafgemachs sachte nieder, stösst mit der Fussspitze die Tür auf, drücke sie leise wieder zu... und weiter geht's, sie wissen wie, haben selbst genügend Erfahrung in solchen Sachen, wie schon gesagt, ich verabschiede Sie bis morgen, 9. November 2048 um 16:00 Uhr in meiner Wohnung an der Buch­holz­stras­se 77, 1. Stock, wo meine beiden neuen Freunde sich mit mir verabredet haben, um, „beraten von einem weisen älteren Witikerfreund”, das weitere Vorgehen zu besprechen, jetzt, wo der Fundamentalirrtum (so nannten sie es) sich glücklich geklärt habe und daher die Lösung in Reichweite sein sollte. Nur „wo genau und wie zu finden, dass sei ihnen noch etwas schleierhaft.” Und ich habe sie noch so gerne eingeladen zu mir, auch mit einer petite collation à ma façon, wenn alles besprochen sei. Schon wieder Komplimente, Weisheit will man mir gar andichten, wieder soll ich Eulen nach Athen tragen, aber wenn diese freundliche Illusion mir zu solchen Freunden verhilft und meinen Leserinnen und Lesern gar zu einem wohlgefällig plausiblem Abschluss des Romans, wollen wie uns das alle zusammen gefallen lassen. Denn morgen um 4 pm sind Sie auch dabei, immateriell zu einem lächelnden Funken kondensiert, und vernehmen alles brühwarm, mit ein paar geschuldeten Kürzungen, versteht sich. Auf die Nacht hin gebe ich ihnen noch eine Idee von Sphärenmusik auf den Weg durch Morphei Reich mit, schlafen Sie angenehm und auf ein glückliches Erwachen und dann ein Treffen bei mir.

Es ist hier schon, ganz unvermittelt und ohne Abstand zwischen den Absätzen, die Zeit, die soeben noch als heute in ein paar Zeilen durch Ihre Augen glitt und sich kaum erst zu einem Schimmer von morgen formte, mit ein paar Zeitkoordinaten, um sich auf der Google Map Ihres Herzens finden zu lassen, es ist jetzt also diese Zeit schon dieses Morgen geworden, mit festen Konturen, ja sogar ein angebrochenes Heute, das sich seinem Ende entgegenneigt. So natürlich geschehen in unserem Geist solche Übergänge, das wir einfach die Sanduhr kippen, ein Reset machen, und schon sind die lange ersehnten Ferien eine Woche lang gewesen und wir überlegen, wie wir die übrige Zeit voll geniessen könnten und schmieden neue Pläne. Ab jetzt brauchen wir die sperrigen Koordinaten nicht mehr, es läuft wieder alles normal, wie es Ihre Fantasie den Zeilen entlang gestaltet, und das ist dann die Welt, in der Sie und ich gemeinsam leben, planen und erinnern in einem gemeinsamen Jetzt. Wir sitzen also 4 Personen am Küchentisch in meiner wohnlichen Wohnküche (alle, die so heissen, sind es ja nicht), mit einem modernen Induktionsherd und allen Chichi, was das Herz des guten, aber Eiligen Junggesellen freut, aber auch (kunstvoll mit dem Induktionsherd verbunden) ein Holzherd nach Väter Manier: 4 Heiz­öff­nun­gen, die man mit ineinander gefügten Ringen teilweise oder ganz deckeln kann, damit jeder Kessel und jedes Pfännchen die für ihns optimale Auflage hat und sein Kochgut so wärmen kann, wie es das am besten versteht. Hinten am Herd ist eine 30-Liter-Wärmewanne, die ihre Reserve ständig auf 85 °C hält, wo noch kein Kalk abschlägt, und mit einem feinen Schlauch zur Wasserleitung, der dank einem Reguliersystem automatisch (das dann wieder ganz modern, aber schlicht), den Wasserstand gleich hält. So kann einer noch irgendwann in der Nacht mit einer kleinen Fusswanne und einer Prise Glaubersalz sich ein ent­span­nen­des Fussbad bereiten. Das brauchen wir jetzt nicht, Mathilde, Her­mann und ich, wir drei, die uns entspannt und unserer ruhigen Freundschaft gewiss, am Lindenholztisch auf geflochtenen Tessiner Stühlen gegenübersitzen und uns die Köpfe wohlig heissreden. Sie, liebe Lesende, wie immer ein winziges, aber deutlich wahr­nehm­ba­res Flimmern in der Luft, das mich liest und das ich erfühle.

Mathilde, Hermann und ich sind wie gesagt „ruhig glücklich”, die beiden haben in der Nacht wohl ihren Heisshunger gestillt, jetzt hat eine Lebensliebe begonnen, die sich ständig von innen her erneuert. Wir haben uns fast krankgelacht, freudig und entspannt, über unseren monumentalen Irrtum, den, von dem wir wussten, dass jeder ihn unter völlig anderen Voraussetzungen machen wollte, machen musste, um endlich klar zu sehen und definitiv zu wissen, wer der Missetäter war, den wir suchten. Mathilde wusste zwar haargenau, dass ihr Hermann, von dem sie schon Namen und Begleitumstände kannte, der kerngesunde, potente und genial liebesfähige Geliebte wäre (= sein würde und auch war), als der er sich dann tatsächlich erwiesen hat, und das erst noch reichlich. Zugleich aber hielt ihr Geist wie an einer Vexirfolie, die man auf ein Bild legt, um es zu verzerren, an der Vorstellung fest, er sei krankhaft schüchtern in Liebesdingen und werde es nie wagen, sie von sich aus zu dragieren, was sie ja eben werden wollte, das Dragiertwerden. Die Franzosen, in Liebesdingen ganz kartesianisch, sagen es weit verständlicher: Elle voulait le draguer et se faire draguer par lui. Und er ahnte, was sie dachte und fehldachte und liebte um so mehr und genoss das ganze Spiel souverän, nur dass er sich ganz blöd anstecken liess und irgendwie dann noch meinte, er werde es nie fertigbringen, ohne ihre pflegende Hilfe, den Sprung zu wagen. Deshalb ging er auf ihr Angebot, ihm als diplomierte Krankenpflegerin den Dienst zu leisten, überhaupt ein und liess sie zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch kommen. Und ich, der Autor der beiden, der alles von ihnen wissen sollte, habe mich von den cleveren beiden über's Ohr balbieren lassen, weil ich ihnen am Schluss das Märchen von der kränklichen Restunsicherheit, mit dem sie nur fröhlich schäkerten, tat­säch­lich als Tatsache abnahm. Als enge Gemeinschaft, und das ist auch das Zu­sam­men­le­ben eines Autörchens mit seinen Persönchen, entwickelt man unweigerlich irgendeine fest etablierte, gemeinsame Lebenslüge, die man mehr oder weniger erfolgreich nach aussen vertritt. Zugleich aber wollten wir alle drei und alle andern Gestalten des Romans in unterschiedlichem Ausmass diese Lüge, die uns zu eng geworden war, abstreifen. Wir sprangen alle drei gleichzeitig, noch vor jedem geregelten Schwimmunterricht, vom 10-m-Brett der Dolder-Wellenbahn todesmutig ins Wasser... das der Badmeister schon zwecks nächtlicher Reinigung abgelassen hatte. Und wir kopfvoran, bolzengerade – nur keine Abweichung von der sturen Vertikalen – ins Leere. Unten schlug dann der Schädel hart, aber erträglich... auf einer federnden Matte an, die uns ganz blöd anguckte und fragte: Gaaatsnò? bevor sie uns umgekehrt wieder auf die Füsse stellte: Wü­ssed­er­jäts­wänig­schtens wonersind?"

Ja, jetzt wissen wir es und wissen auch, wen wir suchen sollen (der Leser/innen Funke funkelt verdächtig spöttisch, ich habe es schon gesehen, Äggi!):

Wir suchten eine bestimmte Person als hochintelligenten Sucht- und Serienmörder, Herrmann, der zuerst gesuchte, ist es definitiv nicht, sondern unser Freund und Helfer und vielleicht der am wenigsten Verrückte unter uns.OK-green

Dann suchten wir einen unbekannten Hermann als Ersatzschuldigen und auch als Heilbaren, dank unseren „liebevollen” Bemühungen. Es traf ein, was wir schon ahnten, wir fanden einen, den wir schon kannten, einen kerngesunden Herrmann, und heilten uns selbst von unserem Zwischenwahn. OK-green

Aus unseren Gesprächen von heute geht schliesslich hervor, ich begründe das jetzt nicht (tun sie es selber), dass der Gesuchte

Bestimmt ein/eine Bande von Serien-Frauen-und-Kinder-Mörder(inne/n) sein muss­te, denn es waren die Leichen zu erklären.OK-green

Intelligent und methodisch oder völlig abwegig vorging(en), denn niemand konnte ihn/sie/sie bisher entdecken.

Vielleicht suchen wir aus den gleichen Gründen auch professionelle Killer mit ganz andern Motiven, dies bleibt aber nach wie vor unwahrscheinlich ?

Vielleicht aber auch, und das ist neu, will er gar nicht geheilt werden sondern sich und seine Kollegen einfach makaber in Szene setzen, um alle Aufmerksamkeit auf sich zu fokussieren, aber er ist heilbar, weil er und seine Kollegen arme Schufte sind, die nur wegen schwerster erlittener Ungerechtigkeit in einen Schutzwahn kippten, aus dem sie selbst nur den freien Fall in den Abgrund als Lösung sehen. Sie brauchen fachkundiges Erbarmen.

Vielleicht aber kommen auch verschiedene Ursachen zusammen, die wir bisher noch nicht verknüpfen konnten, und darunter setzen wir als eingrenzbare Anfangshypothese wieder einen Robin Hood der Irren ein, der eine Intuition hat und ihr mit irren Kollegen nachgeht und sich dabei zu heilen sucht.

Wir haben bereits, fleissig gesammelt: die vollständige Liste aller in den letzten 5 Jahren bemerkt ausgebrochenen, unbemerkt entwichenen, still verschwundenen, an­geb­lich verstorbenen und bekannt aktiv auf der Flucht begriffenen schwerer geis­tes­ge­stör­ten Personen in Zürich und Umgebung mit stärkerem Interesse für Witikon und Umgebung. Um das jetzt zu verrechnen und plausible Verdächtige zu gewinnen, brauchen wir neue mathematische Methoden und ! einen zusätzlichen Mathematiker als Ver­bün­de­ten: DANIEL BERNOULLI.

Warum gerade den? Der in Frankreich geborene (* 8. Februar 1700) und in Holland verstorbene († 17. März 1782) Daniel Bernoulli war einer der genialsten Physiker und Mathematiker seiner Zeit und bis in unsere Tage hinein, der krönende Abschluss des 18. Jahrhunderts. Wir brauchen ihn, weil er nicht nur ein definitiv gültiges universelles Strömungs- und Gleichgewichtsmodell für alle Flüssigkeiten, Gase inbegriffen, definitiv bewiesen und berechenbar gemacht hat, sondern weil er dabei auch das Problem löste, für jede formulierbare quadratische, kubische und beliebig höhere Gleichung eine an­ge­mes­se­ne Lösung zu finden aufgrund eines Algorithmus, den man zu Ehren seiner Nach­fol­ger und seiner selbst immer wieder umbenannt hat, um schliesslich bei der Be­nen­nung Algorithmus von Bernoulli und Fermi stehen zu bleiben.

Und was nützt uns das? Nun, der antike Philosoph Thales von Milet hat mathematisch bewiesen, dass selbst für einen imaginären Betrachter eines imaginären idealen Flusses niemals in der gleichen Minute das Wasser in der gleichen Weise vorbeifliesst, immer kräuseln es wirklich andere Wellen. Und dasselbe gilt für die Gemütszustände des Men­schen, die nicht einmal in zwei aufeinanderfolgenden Minuten identisch bleiben. Und er hat schon geahnt, dass alle diese Variationen nur das eine Ziel verfolgen: ein Fliess­gleich­ge­wicht zu erhalten, das die besten Voraussetzungen für eine optimale Anpassung an die Umwelt garantiert. Und Bernoulli hat herausgefunden, wie man dieses Gleich­ge­wicht mit einem Algorithmus berechnen kann, bzw. auf welchen Zustand es als Reaktion auf bekannte Veränderungen in der Innen- und äusseren Umwelt mit hoher Wahr­schein­lich­keit tendieren wird. Das ist schon ungeheuer, warum, werden wir noch sehen, jedenfalls ist es das absolute Maximum dessen, was Menschen vernünftig voraussehen können. Nur Gott weiss mehr und alles, und auch er, so vermuten wir aus sicheren Hinweisen, lässt sich von Eva und Adam immer wieder freiwillig überraschen.

Schlussschlinge