Kapitel 6


Kapitel 6 Es wird ernst … in der Sintflut!


Nach menschlicher Voraussicht müsste jetzt Ihr Autor eine befriedigende Antwort auf die Fragen bringen, die wir uns, ganz unter uns, im letzten Kapitel gestellt haben: erste Hinweise, wer der Gesuchte sein könnte, ja sogar ziemlich sicher ist. Nach menschlicher Voraussicht. Aber eben, wir drippeln quer über ein ganzes Feld an allen Verteidigern vorbei und denken atemlos: Jetzt jetzt jetzt, jetzt habe ich es, mein Tor, ich fühl es direkt im linken Zeh! Ja, haste! Gott ist schon längst vor, nur auf der andern Seite, für ihn gilt kein Offside, er schiesst das Tor, als wär's ihm geschuldet, hat ja schliesslich den Fussball erfunden. So ging es ihrem Autor in der linken Ecke, war auf alles vorbereitet, aber nicht auf den massiven Kaltfronteinbruch von Sibirien, der doch sonst nie um diese Jahreszeit mit dieser Intensität stattfindet, ein Jahrhundertereignis, die Regenfront dahinter floss in eine Sog-Rinne, einen Bernoulli-Saugnapf (wenn Ihnen dieser Name gar nichts sagt, rufen sie youtube.com/watch?v=K0aPuLn76H0 auf, wo Ihnen ein genialer Dozent und Volks­di­dak­ti­ker von der ETH das alles sehr verständlich erklärt) — also, die Regenfront floss in einen Bernoulli-Saugnapf. Und entstanden war sie, weil der riesig verlängerte Zyklopenarm eines waschechten Jahrhundert-Shimuns (Sie wissen, der heisse, trockene Wüs­ten­sand­sturm) es locker über die Alpen schaffte, sich genüsslich in feuchtkühlen Schweizer Tälern (für sein Temperament waren sie das jedenfalls) richtig vollsoff und dann den ganzen Ballast in einem einzigen, gewaltigen kalten Tropf zwischen Albis und Käferberg ausgoss, ehe er sich brüllend in 3000 Fuss Höhe in den Kampf mit dem kalten Wolf aus dem Norden stürzte und mit ihm dann gegen England abdriftete.

Ferne Sahara =

(1)  Saughahn (in diesem Fall für Luft, um den Abfluss des Shimuns zu kompensieren),

(2) Abflussschlauch = Zürisee (einer von mehreren, natürlich, hier wird im Grossen gemixt),

(3) Konfigläsli mit Luftreserven = Ustermer- + Pfäffiker-Seemulde, hier wurde die Feuch­tig­keit aus Sibirien zugedeckelt und gehalten (sog. kalter Tropfen) und reg­ne­te sich aus, als Kompensation für den

(4)  Unterdruck: Verengung = Saugdüse = Lägernkamm + Käferberg.

Wutsch! die Rechnung geht auf: Die Sachraouji, die Wüstenbeduinen in der Sahara hatten den Sturm und mussten sich mit ihren Kamelen möglichst flach machen auf dem Boden oder gar eingraben, wir hingegen mussten alle Feuerwehrwagen und auch noch Grossvaters Handpump-Saurer-Diesel aus dem 20. Jahrhundert aus den Garagen holen, um laufend überschwemmte Untergeschosse leerzupumpen und dann die Fluten des Herrn auf den ohnehin überfluteten Steilstrecken die Schlyfi und die Klus hinab in den ohnehin über­füll­ten Zürisee jagen. Der gab's an die Rapperswiler zurück und schwappte dann (Aktion und Reaktion) zurück in die Limmat als Abfluss, die konnte nicht (kein leeres Auffangbecken weit und breit), da gab's in Zürich eine Jahrhundertüberschwemmung. Die hatten Sturm, wir die Sintflut: 90 Liter in nur 1¼ Stunden, eine Badewanne auf alle 3 m² und das auf jedem m² beregenbaren Bodens. Wär ich der Zürisee, der das am Ende alles als letzte Auffangwanne schlucken musste in 1¼ Stunden, ich wäre auch über die Ufer geschwappt und hätte in Rapperswil den Kranz der Wallmauer um das Schloss geleckt, von Zürich schon gar nicht zu reden, das haben Sie ja, wenn sie nach 1975 geboren sind, selbst erlebt, und werden lachen, wenn ich es Ihnen in Erinnerung rufe:

Die Zentralbibliothek wiegt sich sanft im Ur-Quell, der aus der Grundmoräne hochgeschossen ist, eigentlich liegt sie schon 4 m unter Wasser, mit den 5 wasserdicht verharzten Untergeschossen die eben als das konzipiert wurden von ihrem genialen Architekten: „Es kommt ein Schiff geladen voll [Bücher] bis an sein höchstes Bort”. Ganz Zürich ist ein schwimmender Asphaltdeckel auf flutenden Wassern, ein paar Auto­mo­bi­lis­ten reissen die Augen weit auf, als plötzlich mitten auf dem Paradeplatz die Tramschienen und die Einsteig-Kanten ganz nackt über den Fluten hängen und die Passagiere über Passerellen von den Gehsteigen (hinter Schutzmauern) auf luftigen Stegen zu den Tram-Docks (hinter Schutzmauern) balancieren müssen, und so überall, die ganze Bahn­hof­stras­se vom Paradeplatz bis zum See, dem man in diesem Uferabschnitt ebenfalls Contenance hinter Deichmauern beigebracht hat – alles genausten vorausgesehen, die gefitzten Zür­cher Stadtingenieure! Die Rapperswil haben es ihnen vergolten, indem Sie von Rap­pers­wil nach Zürich einen Lastenkahn „reinstes Rapperswiler Quellwasser” brachten, „100 Jahre durch Grundkies gefiltert, die reine Kraft der Natur, um das Leid der armen Zürcher zu lindern, denen der Herrgott jetzt sogar in die Limmat gespuckt hatte, ihre Lebensader” (eine reine Notlüge, und zugleich ein genialer Werbegag: En Tuurscht – es Rapperswiler, s'isch äärscht no gsund! Auch das verdanken wir den Beduinen in ihrer Sach'rhaa. Die haben sich unterdessen längst wieder ausgebuddelt und ziehen weiter: die Hunde kläffen, die Karawane zieht fürbass. So fliegen die Scherze und die Streiche hin und zurück und die Leute nehmen das alles mit grimmigem Humor, aber sehr diszipliniert. Ohne sein Säckchen Datteln und einen Ziegenmagen voll Oasenwasser als Notration geht keine Beduine seit eh und je auf den Treck. Ohne Schwimmring geht dafür hier in Witikon niemand aus dem Haus. Das, ja also genau das hat Ihr Autor einfach nicht voraussehen können, kein Meteorologe hat ihm eine entsprechende Sturmwarnung übermittelt, alle sagen ihm anschliessend: auch uns hat es total überrascht. Auch dem gesuchten Bienenvater und freiwilligen Helfer in den Wäldern vom Loorenkopf bis zum Käferberg nicht, nicht einmal der kann Gottes Ratschlüsse zum voraus entziffern, und gerade er hätte eine Vorwarnung sehr gut brauchen können, denn er ist... er ist... wo ist er wohl? Nun, genau in der dicken Röhre, die von der Holderbachhütte nach Affoltern-E-Werk führt, genau in der, und da hat ihm der Herrgott statt einer Vorwarnung einen urweltlichen Schwall Wasser direkt unter's Füdli geschwemmt, der ihn, der Schwall den Mann, schwimmt, nicht der Mann die Strecke – man muss in solchen Situationen zuweilen die deutsche Sprache etwas forcieren, bis sie es auch lustig findet – und ihn walkt und wellt und presst und erbricht, am untern Ausgang. Mein Gott! als Leiche? Ach was, purlimunter, wie wir sagen, kaum ausgespuckt schon auf den kraftvollen Beinen, die Arme triumphierend hochgeworfen wie Maradona nach dem 1:0 gegen Portugal, wohl etwas amoché, wie die Welschen sagen, etwas laidiert, aber auf die blauen Mösen ist er uhuereschtolz und brüllt, schon im Rennen in Richtung seiner nahen Behausung, wo seine Frau Magda es von weitem hört. Sie kniet wie Maria auf dem Schemel, seit das Unwetter ausgebrochen ist, betend vor dem kleinen Hausaltar mit der flackernden Kerze unter dem Bild der Sankta Barbara, der Schutzheiligen der Stollenarbeiter, und betet was das Zeug und das überbordende Herz hergeben für Ihren Mann, den Schatz ihres ganzen Lebens, zusammen mit den zwei Kindern, die wacker mitbeten. Da flackert plötzlich die Kerze hell auf und die Flamme steht mit einem Mal unnatürlich still und hoch, da springt sie empor und schreit: « 'Chas'g'wüsst, Härgottsakkerment, Jesuschatz, chöntdich verschmützle, du häschen'g'rättet, min Maa, min Maa, min Maa! » und rannte heraus in den Sturzregen, ihm entgegen, dem Ent­las­tungs­aus­guss vor dem E-Werk, aus dem gerade in einem urweltlichen Schwall wie Jonas aus dem Bauch des Walfisches ihr Mann her­aus­ge­schleu­dert kam und mit dem Hintern höchst unsanft auf das Wiesenbördchen unmittelbar am Waldrand knallte, er für sie ein Gott Neptunus mit Dreizack (sein Kratzspachtel, mit dem er die Röhre säubern wollte, immer noch umklammert) und sie für ihn die Venus Ana­dy­o­me­ne, die aus der Tiefe des Meeres strahlend zur Beglückung des Men­schen­ge­schlechts auftauchte, als die Fontäne in sich zusammensackte, sie sich endlich sehen konnten und einander in die Arme rannten, von oben bis unten verdreckt mit Schlamm und brüllend vor Glück, auch die Kinder kamen schon herbeigerannt. Er rannte dann nur noch mit ihrem auf dem Arm zum Haus, ins Haus, in die alte Badestube mit Doppelwanne und Schrubber für die grosse Halbjahreswäsche (die Kinder hatten sich diskret verzogen und spielten in der Stube, sie würden die Eltern später verküssen). Jetzt suhlten sie sich zuerst in der für die Halbjahreswäsche schon angewärmte Wäschelauge – das Unwetter hatte die Vor­be­rei­tun­gen jäh unterbrochen –, spritzten sich gegenseitig ab mit Kaltwasserschläuchen, bis aller Lehm abgewaschen und sie, rein und nackt wie ihre Mütter sie geboren hatten, einander lachend ge­gen­über­stan­den und jetzt, ja jetzt ohne Hemmung und Scham, knapp ihre Lustschreie unterdrückend, alle Wonnen der leiblichen und herzlichen Liebe genossen, den Born der Seligkeit bis auf den Nagel austranken, den der Herrgott extra für sie randvoll kredenzt hatte. Der Gott der Liebe und des Ausgleichs, Mars und Hermes, Venus, die Lust­ent­flamm­te, und Ana­dy­o­me­ne, die Besänftigende, der Adam seine Eva und sie ihn, bis hin zu den äussersten Grenzen menschlicher Lie­bes­fä­hig­keit, die alle grossen Liebenden der Weltgeschichte unweigerlich bis an die Pforten des Paradeis geführt hat, wo sie bereits mit freundlichem Lächeln ihr Gabriel mit ein­ge­steck­tem Schwert und Lorbeerkränzen erwartet: « Kommt, der Herr er­war­tet euch, ihr seid ihm schon sehr nahe! »

So pendelt sich das alles in ruhigen Schwingungen wieder in sein Gleichgewicht ein, bis alles seinen geordneten Ablauf gefunden hat. Die Witiker Mütter stossen und schieben ihren Nachwuchs im Poussettli wieder auf den steilen Strassen (eine stemmt gar ein Doppelwägelchen den Räbhaldensteig bergan als Fitnessübung (30% Steigung im obers­ten Stück), die Zwillinge unter dem ausgefahrenen Baldachin sind es zufrieden und strampeln kreischend vor Vergnügen), die Stadtingenieure gehen von Haus zu Haus und evaluieren die Schäden, die Reparaturen sollen unverzüglich starten, Waldarbeiter zer­sä­gen querliegende, ausgespülte Baumriesen, die grössten Strassen-Sprüher sind bereits dabei, den flachen Auslauf der Schlyfi gegen die Klus hin zu reinigen, erste Autos wagen sich wieder auf den noch glitschigen Asphalt und Ihr Autor... ja, der sitzt am Ortsrand von Kleinaffoltern, also noch auf Zürcher Boden, in einer gekonnt zum Wohnhaus umgebauten, soliden alten Scheune, in der guten Stube, Eva (!) und Adam (!) Matthis gegenüber – wirk­lich, ich erfinde nichts, il n'y a que Dieu et la Nature qui fassent de ces blagues-là – sitzt dem lang gesuchten Bienenvater und Bienenwohltäter (auch nicht von mir, das Frangsä-Fädäral-Wortspiel mit dem Bienfaiteur = Bienenvater) und seiner Ehefrau ge­gen­über in trautem Gespräch in der guten Stube, wo der Kanonenofen glüht, um die Feuchte aus den Wänden zu ziehen, sitze ich den beiden gegenüber, die vor kurzem noch in der Wanne... aber das übergehen wir jetzt diskret, wir wissen ja darum, und besprechen jetzt vielmehr, wie es weitergehen soll. Davon, dass sie von uns so eifrig gesucht wurden, hatten die beiden nämlich noch keine Ahnung gehabt und waren immer noch erstaunt, dass sie uns so viel galten und so gesuchte Promis waren.

Ja und was haben jetzt meine lieben Leserinnen davon? Ist jetzt nicht schon der ganze Krimi „gelöst”? Wir haben den gesuchten, nicht Täter sondern Wohltäter und Bie­nen­ken­ner, wir wissen, das verrate ich jetzt, die beiden haben es mir erklärt, dass Adam und Eva in der Freiwilligen-Feuerwehr von Affoltern aktive Vollmitglieder sind, die schon Dutzende Grossbrände haben löschen helfen und manche Menschenleben gerettet, die ohne sie ein vorzeitiges Ende gefunden hätten. Dass sie beide auch Imker sind, ihr Honig viele Preise davongetragen hat, auch internationale, und sie ihn jetzt im In- und Ausland erfolgreich vermarkten, denn sie sind auch clevere moderne Geschäftsmenschen, seit der Vertreibung aus dem Paradies haben sie es sehr weit gebracht, die beiden, und sind erst auf halbem Weg, der Nachwuchs ist erfolgversprechend und soll, so Gott will, noch kräftig weiter wachsen. Wir wissen über jeden Augenblick der kritischen Abläufe Bescheid, das war einmal ein Krimi ohne Tote und Mörder, nur mit Spannung und einem perfekten Hap­py­end als Auflösung,... schön und gut, aber, aber, aber... Aber Sie glauben mir kein Wort, so glatt kann die Rechnung nicht aufgehen, das ist geradezu verdächtig, „so ist das doch bei dem immer gelaufen und dann ist der Bär doch fortgeloffen!”. Gut, ich geh mal nachsehen hinter dem Ofen... Aber das muss ich gar nicht, unsere Adam und Eva haben es mir schon gesteckt. Der wahre Grund, dass unser Adam kurz vor dem kritischen Moment der Sintflut zum Grabmal der Biene hochgestiegen, sich dort ziemlich lange aufgehalten und dann seine Inspektion im Röhrennetz doch noch fortgesetzt hat, war ein dumpfer, lastender Verdacht: in dem Wald trieben sich Mörder herum, er war sich dessen sicher, als hätte auch er eine Bergmannskerze in einer auf dem Helm aufgeschraubten Laterne mit feinstem Schutzgitter dabei: Solange der Sauerstoff im Stollen überwiegt, brennt sie ruhig, wenn das gefürchtete CO₂ aus einer Tasche in der Kohlenflötze, die von den Meisseln an­ge­sto­chen wurde, auszuströmen beginnt, flackert ängstlich die Flamme. Das hoch­ex­plo­si­ve Gemisch aus ungesättigtem Kohlendioxid und Luft kann sich wegen des Schutzgitters nicht entflammen (auch wieder so ein Bernoulli-Gesetz, dem 2. Schutzpatron aller Mi­nen­ar­bei­ter neben der Heiligen Barbara), aber scharf warnen, das kann sie. Dann richtet sich der Stollenmeister steil auf, bis sein Helm fast an den Fels stösst (nur fast, ja keine Funken!) und ruft dröhnend laut: « Halt alle! Grisou in der Luft! Warten! Keine Bewegung! » Eine Viertelstunde vergeht, nichts passiert, die Flamme wieder aufrecht und ruhig: « Gut, weiter, nur Millimeterschuppen abheben, nasse Tücher über Hand und Meissel und um's Gesicht, langsam, ganz langsam, Wagonetten stehen still, Durchlauf zum Fahrstuhl freihalten! » Allen ist klar, was das heisst: Wenn Grisou weiter einsickert und sich langsam, langsam der Explosionssättigung nähert, wo es auch ohne Funken, nur durch die Stollenhitze von 40 °C bis 50 °C in die Luft geht, wird die Flamme kaum flackern, aber kleiner und kleiner werden, es fehlt die Luft, dann werden sie alle in Einerreihe, sachte, sachte auf den Zehenspitzen, nur keine Funken ausgelöst, federnd auf den geübten Sehnen, in unbewegter Bewegtheit, dass nicht einmal der Grisou es merkt, die 500 m bis zum Notlift schleichen und dann in disziplinierten Zehnerschaften, vom Stollenmeister zusammengestellt, er mit der letzten, sich von den Haltestangen Podest nach Podest auf die hochfahrenden Bretterböden her­un­ter­schwe­ben lassen und langsam, langsam, mein Gott, vergeht sie denn nie, diese Zeit bis oben? hochschweben, dem rettenden Tageslicht entgegen. Und oben, wo sonst aus dem Schacht das Hämmern der Meissel und das Dröhnen der Wagonetten wie die Batterie einer eingespielten Rockband emportönt, nur mit andern Worten („All you need is discipline and a good good wife” vielleicht), schreit jetzt die verwaiste Stille geradezu betäubend aus dem Schacht heraus, die Frauen ringsum horchen auf, wissen schon, rennen von den Waschtrögen heim und schon wieder mit Verbandszeug zu einem Kreis um den Schachtausgang herum, bereit, Verwundete, aber glücklich Gerettete, zu verarzten, oder sonst weinend die Leichen zu bestatten, in der Hoffnung, dass der gemeinsam angesparte Notbatzen reicht, und Witwen und Waisen mindestens hundert Tage zu versorgen, bis sie sich mit lauter kleinen Nebenverdiensten einen mikrigen Unterhalt zusammenstoppeln können. Und schon steigen die ersten, todesmutigen Ingenieure, diese älteren, studierten Brüder der Mineure, auf der Schachleiter in die Todesnacht hinunter, um zu sehen, ob und wie noch jemand und etwas zu retten wäre und wie man es am besten und schnellsten bewerkstelligen könnte, ohne durch unvorsichtiges Bohren und Meisseln die Katastrophe, die totale Katastrophe noch selber auszulösen. Kein Metall, kein Taschenmesser, keine Haarspange, jeder Funke könnte den Zorn der Minengötter reizen, gegen den dann nicht einmal mehr Barbara und Bernoulli etwas ausrichten könnten. Mein Gott, halte deine schützende Hand über uns! Denn zuerst müssen wir die Messdaten erheben und mit denen dann mindestens 24 Stunden rechnen auf unseren Re­chen­schie­bern, dann erst können wir schwere Maschinen anfordern, wissend, welche, und wo und wie sie ansetzen sollen, Herr Gott im Himmel, verdammt noch mal, halte doch die Sonne an! Du kannst das! Halt sie an, bis wir den letzten noch lebenden armen Teufel und den letzten heiligen Leichnam von dort untern rausgeholt haben! Zola, unser Bruder, zum Glück hast wenigstens du einen Ausschnitt dieser Leiden den satten Bürgern vor Augen geführt, dass sie über sich selbst erschrocken sind zum ersten Mal in der Geschichte der 1. Republik!

So, ziemlich genau so war Adam und Eva in ihrem modernen Stall zu Mute, und den Zola kannten sie auch, sie waren beide hoch gebildet. So begannen wir jetzt, nach einer freundlichen Zvieripause, zu hirnen, was es war, was wir suchen, und wie wir es finden sollten, das stinkende Aas, denn es war keine brüderliche Leiche, nach der wir suchen mussten, sondern ein stinkender Unhold, ein Menschenmörder, der sich auf den Waldhängen der Lägern herumtrieb und seine Opfer suchte, kein simpler Irrer, dazu ging er viel zu methodisch vor. Hab ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, schon gesagt, und sonst sage ich es Ihnen jetzt, dass die Statistik der in den Stadtforstwäldern gefundenen Leichen von jungen Frauen und Kindern beiden Geschlechts (nur die), in den Jahren 2047 und 2048 sprunghaft von 2—3 pro Jahr 2047 auf 15 und 2048 schon auf 32 angeschwollen war? Das konnte man nicht mehr als statistische Ausreisser abklassieren, da waren ein oder mehrere Mörder und ein systematisches Vorgehen dahinter. Bei keiner dieser Leichen hatte die Gerichtsanatomie bisher eine Erklärung für die plötzliche Herzschwäche gefunden, die zu ihrem Tod geführt hatte. Keine Einstiche, keine in Spektralanalysen erkennbaren Stoffe, keine Paniksymptome am Körper, keine Würgemale und Hämatome, keine sonstigen Krankheitssymptome in den Organen. Nichts, nur der stille, jede Auskunft verweigernde Tod. Ein Horror für die verzweifelten Gerichtsmediziner. Zumindest den Angehörigen, zumindest denen, waren sie doch eine rationale Ursache schuldig!

Da waren wir Wäschpi Stächer vom Züriberg und unseren neuen Freunde von Klein­af­fol­tern in einer besseren Position, wir wussten, wie man hydrierte, hyalonisierte Akryl-Azeton-Giftstoffe so weit stabilisiert, dass sie nicht in Nano- sondern erst in Millisekunden spurlos zerfallen, und wie man es macht, um sie in dieser Zeit mit einem leicht um­ge­bau­ten simplen Asthma-Inhalator via Lungenbronchien in die Lungenarterie und von dort ins Herz zu befördern, mit sofortiger Todeswirkung und instantaner Zersetzung in Wasser, Sauerstoff und CO₂, die niemand mehr nachweisen kann... nur wir! Ich erklär jetzt nicht die Chemie wie vorher die Bernoulli-Effekte, es besteht ja wahrhaft kein Volksinteresse daran, dass jeder Primarschüler schon lernt, das perfekte Verbrechen zu begehen, sollen In­ter­es­sen­ten doch bitte auswandern und auf irgendeinem einsamen Felsen, streng von Kriegsmarine ringsum bewacht, einschlägige Experimente an sich selbst vollziehen, bis es den letzten „putzt” und seine Reste unter einer dicken Guanoschicht rezykliert werden. Manchmal muss man auch so denken können. Wir Wäschpi Stächer und Cie aber mussten uns jetzt mit solche Aasen befassen, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Uns war klar, wie wir vorgehen wollten, und meine Leserinnen, die jetzt schon bewährte Detektivinnen sind, bitte ich, sich ein stringentes Vorgehen zu überlegen. Es bleiben uns nur noch zwei Kapitel, um dieses Vorhaben zu vollbringen. Das ist genug, aber nicht überreichlich. Ich brettle Ihnen auch diesmal nichts vor, gebe Ihnen aber einen dramaturgischen Hinweis, denn jetzt müssen Sie sich auch auf das Schreiben vorbereiten, das seine eigenen Gesetze hat, die Sie unbedingt beachten müssen, wenn die Lesenden buchstäblich an Ihren Lippen hängen sollen (nicht an ihrer Füllfeder, die gibt das nicht her). Ja, die Empfänger/-innen der Botschaft sollen aufhören zu lesen und nur noch hören, ein klare, feste, angenehme, entschiedene und energische Stimme, die ihnen erklärt, was Sache ist. Und noch eine kleine Wegzehrung, die Ihnen die Aufgabe erleichtern soll: in der Märchentheorie (und Krimis sind grundsätzlich moderne Märchen, kauen Sie auch an dieser Message herum und versuchen Sie zu verstehen, ehe ich das irgendwann aufkläre), in der Märchentheorie käme Ihnen jetzt eine gütige Fee entgegen. Die nimmt natürlich eine moderne Form an: eine freundliche Leserin aus New York (sogar dort liest man jetzt schon Witiker Krimis) mailte mir gestern die folgenden, rätselhaften Zeilen: « Think on Edgar Allen Poe's Ape, dear, 'ts evident, 't was only an ape, one single ape, dear, not two or three, a simple ape locked in a room and very, very hungry and desperate, who ate his proper hands before he died. No murder, no assassin, only he himself by its one mouth, dear! » Also, der Mörder wurde am Schluss zum Selbstmörder, als seine Mordlust keine Nahrung mehr fand und er sich in schierer Verzweiflung, ohne Ausweg aus seinem Tötungswahn, selbst die Schlinge um den Hals legte. Etwas in der Art. Aber zuerst bitte eine dramatische Scheinlösung.

Schlussschlinge