Kapitel 5


Kapitel 5Reise durch die Regengrotten


KanalgitterSie müssen Karten lesen, wenn Sie mit­ma­chen wollen. Das haben Sie in der Pri­mar­schu­le in der Oberstufe prima können, seien Sie einfach aufmerksam, dann kommt es rasch wieder hervor. Diesen Plan auf im­per­me­ab­lem, bruchsicher faltbarem KK–Papier (im Buch ist er natürlich nur auf ge­wöhn­li­chem gutem Papier gedruckt) haben Sie alle erhalten, bitte kontrollieren und dann ja nicht verlieren, ich kann nicht 30 Stück für sie mit­neh­men, denn die hätten dann als Real­ge­gen­stän­de eine deutliche Ausdehnung, während Sie und ich zwischen Buchdeckeln, wie Sie sattsam wissen, keine besitzen. Das geht schlecht zusammen, da müsste ich Ihnen erst noch Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie erklären, das sparen wir noch auf für ein andermal, ja? Also, schauen Sie zuerst still für sich den folgenden Übersichtsplan an:

Plan Hoenggerwald Stadt Zuerich

In der Verkleinerung hier oben kann man die Strassennamen schlecht lesen. Wir werden das jetzt abschnittweise betrachten, während wir gemütlich Kleinaffoltern auf der Längsachse durchmessen und dann auf dem letzten Stück des oberen Salzwegs, von dem die Salzstrasse abzweigt, in den Wald eindringen. Hier ist ein Einstieg in das Abwasserrohr nach Affoltern-E-Werk, in dem werden wir steil bergauf in dem Rohr hochkriechen. Das ist viel leichter, als sie jetzt denken, es wird streng, aber weniger als eine ganze Finnenbahn.

Holderbachhütte_ÜberlaufVon rund 470 m über Meer geht es hinauf bis 640, also eine vertikale Steigung von 290 m über einer horizontalen Strecke von 720, ergo eine Steigung von durchschnittlich 40%, die von 30% am Anfang bis 62% gegen Ende anzieht. Diese Strecke müssen Sie, an die wan­nen­ar­ti­ge Unterwand gepresst, mit angespreizten Armen und Beinen hoch­rob­ben: rechtes Knie an die rechte Seitenwand, angewinkeltes Bein mit verspreiztem Fuss an die linke, leicht gekrümmter Rücken an die Rück­wand, linker Arm angewinkelt mit dem Ellbogen seitlich gestützt, rechter Arm hochgerecht mit der gekrümmten Hand, die einen griffigen Halt sucht. Sobald sie ihn ge­fun­den hat, löst sich der Rücken ab und der Körper schiebt und drückt sich an den Füssen und den Ellbogen hoch, während der rechte Arm seine Schulter hochzieht. Sind Arme und Unterschenkel fast waagrecht, greift die linke Hand hoch und die ganze Übung wiederholt sich seitenverkehrt, das Ganze rund 1000 Mal, da Sie pro Klimmzug rund einen halben Meter gewinnen. So oft? Na ja, wenn Sie für eine Durchschnittsfamilie das Frühstück allein zubereiten, machen sie auch 1000 Schritte und verrenken sich zum Teil viel akrobatischer zwischen dem obersten Küchenregal und der un­ters­ten Pfannenschublade, mit ständigen Drehungen zwischen Herd und Regalen auf der einen Seite und dem 4-Personentisch der Wohnküche auf der andern, immer auf dem Sprung, damit die Milch nicht überläuft auf dem Herd. Ihr Mann oder Ihre Frau hat heute seinen/ihren vollen Berufstag und rennt davon, die Kinder sind noch zu klein, um effizient zu helfen, es ist mehr eine didaktische Übung, dass sie schon lernen, etwas sicher von einem Ort an den andern zu tragen, Sie müssen also zum grössten Teil selbst abräumen und anschliessend noch das Klo putzen, weil sie, als liberale Elterin oder Elter Ihren Fritzli sein Geschäft allein verrichten lassen: auf die Schüssel klettern, ohne hineinzuplumpsen – was er sehr lustig fände – sich an der Brille festklammern und in die Mitte Kaki machen, Fudi Putzen mit weniger als einer halben Rolle, runter, Hösli hoch, Brille zu, Wasserknopf drücken und rufen: Mammi, fettigg'sisse! Ganz allai! Dann müssen Sie nachputzen, ihn und die Schüssel und den Rand und den Boden, aber so ist er enorm motiviert, in 2—3 Monaten kann er es dann wirklich, ohne Nachkontrolle, und Sie fühlen sich fast so stolz wie er oder s Anneli, wenn sie die Übende war. Und dann hat erst der Vormittag angefangen. Überlegen Sie's genau: sie leisten mehr, nur etwas flacher, als in einem Felskamin.

Jede grössere Schule in unserem Kanton hat heute eine Turnhalle mit Schrägdach und an der hohen Wand eine Kletterwand, die auch einen Felskamin einschliesst, um hoch­al­pi­nes Klettern zu üben: Hochrobben, sich oben rausschwingen und an die Stange, runtersausen mit eingegipsten Händen (solche Kinder haben immer Handkreide dabei), zurückrennen zum Kamineinstieg, und wieder rauf, und runter, und rauf, manche machen das bis zu 50 Mal hintereinander an einem freien Nachmittag, bevor sie an die Aufgaben gehen. Von denen könnten Sie lernen. Aber was moralisiere ich denn da! Sie sind ja schon alle oben beim Ausstieg Holderbachhütte, da ist der Ausstiegsdeckel über einem nur 10 m hohen Schacht, nur unter einer Laubschicht verborgen. Wir müssen ein Momentchen an die frische Luft, verteilen uns auf die Tische und Bänke unter dem Vordach der Klubhütte und trinken ein paar Schluck aus der RivalinaGrün®-Flasche. Bravo, ich gratuliere, jetzt kann die Arbeit beginnen. In der Hütte, ich schliesse jetzt gleich auf und mache Licht, sind hinten links … (es ruft von allen Seiten dazwischen, ich antworte, so gut ich kann):

«Ja, die Hütte ist Kollektiveigentum des Freiwilligen Waldsanitärklubs Oerlikon, und wir dürfen sie benutzen, beim Ausgang ist ein Schlitzkässeli. Also, jedes greift sich im Ausrüstungsschrank ein wasserdichtes Taucher–Underwear, einen Tauchhelm mit Stirnlampe …

Wir schwimmen also wirklich?

Ja, im Schlamm, hab ich Ihnen alles bei den Bewerbungsgesprächen erklärt.

Mich kötzelt es immer noch.

In die hohle Hand, wenn's passiert, und dann im Schlamm abgeputzt.

Da wird sie ja noch dreckiger!

Umgekehrt, Sie verschmutzen ein wenig den Schlamm, der filtert das dann. Es ist, wie Sie wissen, nichts anderes als auf langen Unterbodenwegen im Karstgelände total ge­rei­nig­ter und zu Löss gemahlener Schlick, Sie könnten Porzellan daraus machen …

Nachttopf für Sie, dreifach gebrannt!

Sie dürfen dann „söönitmittig'sisse!” rufen.

Ich lache gerne mit, aber in 2 Minuten ist die letzte draussen und in fünf stecken alle in den Propylen-Strumpfhosen: auf's Bänklein gesessen, eingerollte Strumpfhose säu­ber­lich bei angewinkelten Beinen über die Füsse ziehen, Sie haben doch bitte die Zehennägel geschnitten und die Kanten abgefeilt.

Anbehalten, oder wollen Sie mich mit soviel Schönheiten blenden?

Läck, diäSauna!

Der Schlick fliesst mit etwa 12 °C zu Tal, er quillt ja aus dem kühlen Untergrund, im Anzug bleibt die Temperatur dank einer genialen Klimaschranke konstant bei etwa 15 °C, für anstrengende Bewegung ist das genau richtig, sonst können Sie es mit einem kleinen Knopf noch um 2° ± regeln. Sie werden sich wie in den Karaiben fühlen. Alle die Hosen an? Jetzt die Jacke, Dichtungen andrücken, es ist eine Klebehaftung, hält wie Klettverschluss, aber wasserdicht, dann den kleinen Helm über. Prüfen Sie, ob die Scheibenlüftung funktioniert.

Wie kann die Luft saugen im Schlick?

Der Schlick ist gesättigt mit Luftbläschen, ein kleines Magnetfeld ballt sie vor dem Eingangsfilter zusammen, so dass ein kontinuierlicher Luftstrom entsteht; beim Ausatmen wird die Luft verwirbelt und strömt ganz leicht wieder heraus. Wissen Sie, der Schlick hier ist ein Plasma, fast ein Gas, molekulare Partikel, die in einem Luft-Wasserstrom schweben. Stirnlampe testen! Die Batterie reicht für 3 Stunden. Sie haben in der linken Beintasche einen piezoelektrischen Dynamo mit Handgriff zum Nach­la­den. Alle fertig? Wunderbar, Sie pfeilen jetzt an der Stange auf der Direttissima in den Wunderschlick hinein, Zugführer Kahn wartet schon auf Sie, er wird bis zur Landung immer vorne führen, ich schwimme in der Mitte, hinten schliesst Kuno Rahl ab. Achtung... Los! »

KanalgitterIch bin heute noch stolz auf den Hagel von schlanken, energiegeladenen, durch­trai­nier­ten Körpern, der da in die Tiefenwasser des Hönggerbergs gesprungen ist wie eine Fuhr von geballter Energie. Es ist schön, in Witikon Internet-Krimiautor zu sein! Aber jetzt müssen wir der grossen Mehrheit, die nicht dabei war, möglichst lebendig schildern, was nach dem grossen Einsprung passiert ist. Das Gitter rechts sagt eigentlich alles, wenn man mit der Arbeit vertraut ist. Es ist eines der groben Abflussgitter im Freien, in welche die Druckleitung stellenweise mündet, wenn sie quer durch grössere Felsen fliesst. Das Rohr endet hier und fängt jenseits des Gitters wieder an, den Durchfluss in die Tiefe zu saugen. Hier verfangen sich gröbere Teile, die mit dem Tiefenwasser vom Bergdruck in die Leitungen hochgewürgt und von den Ven­til­klap­pen wegen ihrer kinetischen Energie nicht zurückgehalten werden können. Das muss dann jeweils weggeschafft werden, bis es wieder so sauber aussieht wie hier (man sieht durch das Gitter die Abstiegsleiter, um Trümmer, die sich verklemmt haben, wenn nötig von der andern Seite zu lockern. Unglaublich, was da alles in die Leitungen gedrückt wird. Und jetzt lösen wir dann gleich das Rätsel des Unrats, den der böse Bienenmörder angehäuft hat... haben soll... die Natur für ihn angehäuft hat... Schon kapiert? Mailen Sie Ihre Lösungen vor dem Weiterlesen wie immer an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, die Siegerin er­hält eine Kilo Höngger Kanalschoggi – Wie bitte? Aus Schlick? Nein, nein, aus feinster Klöti Milchschokolade, ein Höngger Weltexportschlager. Auflösung das nächste Mal. Ich mache jetzt hier weiter.

Abwasser SpinneAlso, den Teilnehmenden der Ex­pe­di­tion wurde nach 2 Mal in Fels­ka­ver­nen Schutt Wegräumen klar, was im April dieses Jahres passiert ist am Käferberg, auf der Hangseite jenseits der Limmat, wo die Polizei einen Toten mitten in einem Haufen Lehm ge­fun­den hat. Von dort führt nämlich auch eine Unterberg-Leitung in die Höng­ger Abflussspinne, auf dem Schema links oben. Und auch dort hat es Tobel mit reissenden Wildbächen und Ab­flüs­sen zur Leitung, wo es durch alle Schranken hindurch Trüm­mer in die Leitung schwemmt. Und was finden die verdienstvollen Pfadi, wenn sie einmal im Jahr die Trümmer dort unten sammeln, bevor sie die Leitung verstopfen? Verrostete Veloteile, Wandstücke durchgerosteter Badewannen, Rohre und deren Muffen aus Plastic oder Eisen, Skistöcke mit und ohne Teller, Beinprothesen (fragen Sie die Fundbüros, was Menschen auf dem HB Zürich liegen lassen), Gusstrümmer alter Küchenherde für Holzfeuerung … Genau, alles, was ich am 6. April 2049 am Käferberg fand, gewissermassen als Grabmal der Biene Maya. Das hätte der Untäter, falls es einer war, gar nicht angehäuft, sondern vorgefunden, und dann das Insekt daneben aufgebart, denn so intakt konnte Maya nur sein, wenn jemand sie delikat hingelegt hatte. Kein Untäter also, eher jemand, der seine Dienstfahrten benutzte oder sein Dienstfahrzeug, um als Botaniker und Insektenforscher in den Wäldern herumzustreifen und eine Biene wie eine Mit­men­schin ehrte. Das war die bisher wahrscheinlichste Hypothese, alle Teilnehmenden der Höng­ger­berg­ex­pe­di­tion waren sich darin einig. Also musste man die Recherchen neu aufziehen. Überlegen Sie kurz, wie sie die Fahndungsliste gestalten würden, ehe sie meinen Vorschlag lesen:

Der Gesuchte war kein Täter, höchstens ein Wohltäter. Er hatte Gutes im Sinn.

Auf keinen Fall war er ein Triebtäter, der hätte das wehrlose Insekt unweigerlich zwischen seinen klobigen Fingern zerquetscht. Triebtäter, die auf ihrem Weg in den Abgrund Opfer fangen, um ihre panische Angst zu stillen, müssen am Ende, um die rasch verrauchende Lust am Glimmen zu erhalten, ihre Opfer ermorden. Ein Trieb­tä­ter hätte keine Biene Maya bestattet, sondern sie zu Schleim zerquetscht, hätte niemals das Zucken seiner Hände drosseln können.

Wenn schon einen Täter, sollten wir eher einen Wohltäter suchen, der zartfühlend Wunden heilt, wo er nur kann, und Tote ehrt, an deren Grab kein anderer kommt: wer versteht, warum eine Biene gestorben ist, und hält für sie Totenwache? Das müssen wir uns fragen.

Ich hatte da am 6. April schon meine Vermutung und habe daher diese Hy­pothese sorgfältig geprüft. Unser Mann hatte nicht nur keine Anzeichen von Stichen, sondern sogar eine besonders samtige, intakte Haut an Gesicht und Armen, als hätten ihn die Bienen ständig geküsst.

Gar nicht so dumm, diese Hypothese: Bienen, das wurde nachgewiesen, streifen gerne auf Fell und Haut ihnen freundlich gesinnter Tiere minime Spuren von Gelee Royale ab: von ihren Sammelzügen bringen Sie ja nicht nur Nektar, Seim (Stempelsaft) und Pollen zurück, von dem sie ihren Teil an Nahrung abzweigen, ehe sie den Rest an hungrigen Samenkammern abstreifen...

Sie bringen auch Gelée Royale, die sie mit einem geringen Teil des Seims und ihrem Speichel unterwegs im Wunderlabor ihrer Maulwerkzeuge produzieren. Menschen, wenn die sich nicht rücksichtslos benehmen, empfinden sie spontan als verwandte Art und streicheln sie mit Spuren der kostbaren Ambrosia, der Lö­wen­an­teil gehört der Königin.

Sie stechen auch nicht, wenn sie sich in unserem Kopfhaar verfangen, finden das eher lustig und sondern Ambrosia ab: im Vergleich zum Tierpelz haben wir ein lichtes Wäldchen auf unserem Haupt. Unserem Mann hatten sie wohl auch den samtigen Skalp massiert, sie liebten alles an ihm!

Gesicherte Folgerung: Es handelt sich bei dem Gesuchten um einen kenntnisreichen Bienenfreund, einen Imker und Forscher, der zu diesem Zweck durch Steilwälder streift, die kein Honigdieb besucht, weil hier keine Völker hausen.

Gesicherte Sekundärerkenntnis: Da anhand der Spuren mit Sicherheit davon aus­ge­gan­gen werden kann, das der Mann (dass es ein Mann ist, den wir suchen, ergibt sich mit Sicherheit aus den analysefähigen genetischen Resten, die wir vor Ort gefunden haben, mein Freund Kuno, die Polizei und ich), da dieser Mann also einen Geländewagen benutzte, wollte er irgendetwas Schweres an- oder abschleppen. Anschleppen? Vergessen wir's, was also abschleppen? Steine? Dreck? Hat es so was im Wald? Natürlich, und es musste entsorgt werden: Trümmer nämlich, die nach einem Unwetter lange liegen bleiben in der Nähe eines Abflussgitters und es erneut zu verstopfen drohen oder verstopft haben. Auf dem jetzigen Kenntnisstand: der Mann wollte, vielleicht mit einem Kollegen, Unrat von Kanalgittern abräumen, er kannte die Standorte und hatte einen Plan.

Vermutlich hatte er auch einen Begleiter: Aus den Spuren lässt sich herauslesen, dass die Ape vorne gleichmässig belastet war, auf beiden Seiten.

Suchhypothese: Wir suchen...

Ja, was suchen Sie, meine Damen und die drei Herren, auf dieser Forschungsexpedition der Abschlussklasse junger exzeptioneller forschungsbegabter Kadettenführerinnen bei der Ausbildungsabteilung der Forschungslaboratorien Sempach? Jesses, habe ich korrekt formuliert, das Akronym AKl–EFKadSemp? Man braucht die Akronymchen halt als Brand, zwecks rascher Erkennung im Internationalen Austausch, und darauf sind Organismen und Stiftungen angewiesen, die enorme Mengen von Daten in möglichst kondensierter Form austauschen müssen. Um ein Beispiel zu erwähnen, das ich kenne: Wir Witiker Wäschpi Stächer produzieren auf Stand 31.12.2048 7'184 Terabyte Daten, ich rechne das für Sie:

  1 Byte      (B) =                 8 bit (b)
  1 Kilobyte (KB) =             1'024 Byte (B)
  1 Megabyte (MB) =             1'024 Kilobyte (KB) 
                  =         1'048'576 Byte (B)
  1 Gigabyte (GB) =             1'024 Megabyte (MB) 
                  =         1'048'576 Kilobyte (KB) 
                  =     1'073'741'824 Byte (B)
  1 Terabyte (TB) =             1'024 Gigabyte (GB) 
                  =         1'048'576 Megabyte (MB) 
                  =     1'073'741'824 Kilobyte (KB)
                  = 1'099'511'627'776 Byte (B)

Das ginge ja noch, eine Billion Daten, was ist das schon bei den heutigen Prozessoren? Aber wir vom Fach, wie wollen ja wichtige Dinge sagen, die Sie verstehen, also können wir nicht einfach in die Konfettischachtel unserer Daten grapschen und Konfettiwolken mit breiter Hand in den Wind streuen, wir müssen strikte die Daten wählen und keine andern für die Botschaft, die wir schicken wollen, weil sie für beide relevant ist.

Wir müssen eine Message anbringen, wie die Werbefritzen und -Fritzinnen sagen, damit das begeisterte Publikum uns die Ladung abkauft wie den Bienen die Gelée Royale. Nämlich: Einen Steckbrief müssen Sie verkaufen, MyLadies! Die Leute müssen Ihnen den aus den Händen reissen. Noch besser, sie stürmen die Kreiskommissariate und die Infostellen der Stadtpolizei: « Händerno Flyer vo däm Glünggi! Ich chönti no drysssig Fründinnen u Frünt mobilisiärä, wo Beobachtigä zämeträääged, und würkli, mä sint­voor­sich­tigg, m'rbüscheltzeerschtallesundmaileddas'g'gooordnetatSchtappolizaj, das yrs mit'm Gompjut'r chönnd värarbaite. » Noch ein paar solch freiwillige Hundertschaften, die mit Begeisterung, Ordnung, Takt, Vorsicht und herzlichem Respekt vor ihrer Stappo Wanted–Glünggis nachjagen, in Analogie, aber noch cleverer als die berühmte Sendung: Verstehen Sie, warum Sie eine Fahndung als Werbekampagne konzipieren sollten? Am Schluss – jetzt mache ich aber wirklich einen Witz – sollte auch noch der Glünggi Ihnen aus der Hand fressen und freiwillig zum nächsten Kreiskommissariat zotteln, voller Vorfreude, dass er endlich seine Seelenlast loswird, dass er im Polizeikommissar einen Father Brown findet und endlich ein Mensch wie andere wird, sündig, unendlich sündig zwar, aber reparabel. Wir sparen uns den Hass und vielleicht einen grässlichen Justizirrtum, man weiss ja nie!

«To my opinion, flüstert mir Agatha zu (Sie erfahren später, wer das ist, alles zu seiner Zeit), my dear, we must seek...

Einen most probably man… » (ich übersetze den Rest, das ist ja schliesslich ein Deutschschweizer Krimi):

Von wuchtiger Statur: ein wackerer Hausvater schaffte früher ein Klafter in einem halben Tag und heizte davon mit einem ökonomischen Kanonenofen eine Woche, wärmte ganztags Apfelschalentee. Im Wärmefach, spätabends noch vor dem Zubettgehen, wenn unten das schwere Trummscheit nur noch glimmte, und die Kirschensteinsäckchen für sein Weib und seine Kinder fast heiss waren, ass er den letzten gebratenen Apfel, nur noch Rosinenzucker und Apfelmus in der hauch­dünn gewordenen Schale, dann war wieder ein guter Arbeitstag vorüber: so einer, mit so einer Gesinnung, der weiss viel und sagt Ihnen, wer der Gesuchte ist oder wo Sie ihn finden, gibt ihnen noch ein paar Berner Rosen für ihn mit als Emp­feh­lung.

Wenn Sie den nicht finden, stellen Sie sich gut mit den „Präsi's” der Holz­kör­per­schaf­ten, die sind vom Gehaben her Notare, dafür wählt man sie: notieren alles, jeden Stamm im Gemeinschaftswald, seinen Zustand, seinen Wuchs, wieviel Ster er hergäbe, würde man ihn jetzt fällen. Solche wie unseren Gutmenschen kennen die wie die Finger an ihrer Hand, mit dem kleinen Finger können sie Ihnen zeigen, wo der Kumpel rumkraxelt und was er so tut.

Und sonst geben Sie sich naiv und freundlich, Sie machen eine Umfrage über die Herkunft des Cheminée-Holzes in Schweizer Haushalten, wissenschaftlich begleitet von den Unis Zürich, Genf und Bern (Genf ist immer gut als Ergänzung, Bern füllt den Pilzkorb mit einem hübschen Seitling), alles kontrolliert, und Sie in Kursen geeicht. So jung und hübsch und freundlich, wie Sie sind, wird man Sie nicht gleich die Treppen runterschmeissen, wenn man eine Phobie gegen die hundert Umfragen entwickelt hat, mit denen uns die Ramschwerbung täglich über­schwemmt. Und wenn Sie dann mal ein paar Dutzend brauchbare Auskünfte haben, fressen Sie sich durch das trockene Mehl der äusseren Rinden durch bis zum saftigen Kern, wie der junge Holzwurm nach durchbohrter Aussenrinde sich selig stürzt in das warme Bad der aufsteigenden Lymphe. Seelig seid ihr, wenn ihr Baumsaft trinkt, hat ihn sein Mammi–Ei gelehrt, ihr werdet stark und verewigt unser Geschlecht.

Letzte Variante, bei weitem nicht immer die Dümmste: Ihr meldet eure Beobachtungen der Polizei: „Ich und ein paar Freundinnen, uns ist aufgefallen, und dann haben wir die Fahndungsanzeige gelesen, wissen Sie, die vom Frauenkiller in der NZZ (NZZ ist immer gut, auch wenn es nur die linke Seezeitung von Uster und Umgebung war), und also, wenn Ihnen das blöd vorkommt, ich gehe gleich, nichts für ungut. Was? Sogar interessant finden Sie das? Also, ich habe das alles geordnet, auch auf dem Stick, so können Sie es brauchen, habe ich mir sagen lassen.” Bis jetzt haben Sie nur dann und wann fast scheu, aber ehrlich, zu dem grossen Lulatsch oder seiner stämmigen Kollegin aufgeblickt, doch jetzt strahlen sie sie–ihn an: „Ehrlich, tolle Arbeit, die Sie das leisten zu unserem Schutz, meine Freundinnen und ich wollten Ihnen schon lange einmal dafür danken, wir fühlen uns sehr sicher in unserem Quartier, das was scheint's nicht immer so.” Das wars, Kopfnicken, wenn sie–er die Hand ausstreckt, fassen, kurz und entschieden, dann gehen und mit einem bescheidenen Lächeln entschwinden. Das ist die Art Freundlichkeit, die man den Polizeier/innen in der Polizeier/innenrekrutenschule beibringt, präzis, effizient, im Dienste der Bevölkerung. Und das halten die so, kümmern sich ja sogar, wenn sonst keiner es tut, um verirrte Bienenvölker, die noch keine Rüsche gefunden haben und in ihrer Nervosität ernsthaft zu stechen drohen. Alles tun sie für uns und unsere Bienli haben einen Dank wirklich verdient. Aber klar, ehrlich empfunden muss er sein, kein Honig um die Lippen, das ist ekelhaft und verdirbt die Freundschaft. Wenn Ihnen das nicht auf Anhieb gelingt, machen Sie Motivationsübungen, das geht ganz leicht, denn es ist ja sogar noch alles wahr, was ich hier schreibe!

Gut, wir sind durch, unser Steckbrief steht. Drück ich auf's Knöpfchen? Ach, Herrjeh, ja doch, wir wollen es doch alle wissen. Also? Drück ich? Ich drücke... gedrückt, der Aufruf ist raus. Sie: Mund zugenäht mit doppeltem Zwirn, wenn die nächste Fortsetzung erscheint, haben Sie einfach als erste die beste Lösung eingesandt, Talente soll man fördern, das tue ich doch gerne. Sie sehen, unser gemeinsamer Krimi (Sie haben mir ja einen Schiebkarren Ideen gegeben im Gespräch mit Ihnen) wird von Mal zu Mal lebenspraktischer. Macht richtig Freude, für so ein Publikum zu schreiben. Ja, und jetzt warten wir gespannt, was unserem Schreibautor bis in einem Monat eingefallen ist. Sicher was Gutes, so wie ich ihn kenne: 't's evident, my dears!

Schlussschlinge