Kapitel 4


Kapitel 4Expeditionen im Lehm


Zwischen Lyrenweg, Rosshauweg, Buchenhauweg, Eichenweg, Bachtobelweg im Höng­ger­wald habe ich von 06:00 morgens bis 19:00 abends den Donnerstag, 06. Mai 2049, ver­bracht. Sie wissen ja, wie man hinkommt? Haltestelle Friedhof Nordheim, querlängs von Nord nach Süd und danach durch das Arbeiter-Reihenhaus-Quartier, das vom Friedhof ausgelagert wurde, dann der Salzstrasse entlang und rein ins Gebüsch, wie Ihnen dieser Plan aus dem Kartenmaterial der Stadt Zürich zeigt (danke der Stadt sehr höflich für die Reproduktionsrechte!):

Friedhof Nordheim Rosshauweg

Wenn Sie gute Augen haben und die Weg-Namen lesen können, dann wissen Sie, auf welchen Pfaden ich den 06.05. verbracht habe. Wenn Sie alles in der kürzesten Stre­cken­ver­bin­dung ablaufen (das Gelände ist ausgesprochen stotzig!) und zügig gehen, habe Sie vielleicht eine gute Stunde. Treckingschuhe nicht vergessen, der Waldboden ist sehr feucht, es kommt an vielen Stellen kein direktes Sonnenlicht zwischen den dichten Laub­kro­nen durch. Entsprechend hat es wenig Singvögel, denn die meisten guten Sänger sind tagaktiv. Was ich suche mit meiner ambulanten Laborausrüstung, sind Hinweise auf den Täter, auch wenn die Polizei schon längst alles abgegrast hat.

Hoenggerber von Aeugst montage AusschnittDamit Sie sich einen Eindruck von der Landschaft machen kön­nen, hier noch ein Land­schafts­bild mit der Fernsehantenne SRG auf der Kuppe, wie Sie es sehen, wenn sie bis zur vorletzten Steigung hoch­ge­klom­men sind. Ennet der Kuppe liegt Aeugst (Adliswil). Die Aufnahme habe ich bei einem spä­te­ren Besuch im Juli gemacht, da war auch Änny dabei. Schon wieder ein lohnendes Ausflugsziel in unserem Kanton, ich verwöhne Sie in diesem Krimi! Ich hatte zwar auch einen schönen Tag, aber ausser der Helligkeit gab er für mich nicht viel her, denn ich lief fast wie ein Fährtenhund, Trüffel knapp über dem Boden. Irgendwo hoffte ich noch Reste von Schleif- oder Reifenspuren zu finden. Nämlich: Entweder war der Bienenmörder allein gekommen und hatte seine Corpus delicti hier deponiert und dann seinen Kontrahenten, den er er-schrecken wollte, irgendwie informiert. Wenig wahrscheinlich: Können Sie sich ein Handygespräch in dieser Art vorstellen: „Hallo! Ich habe das und das dort und dort hingelegt, damit Sie wissen, was Ihnen passiert, wenn Sie nicht spuren! Gehen Sie hin und schauen Sie sich das an, dann geben Sie mir Bescheid.” Die ganze Installation, so wie ich sie vorfand, war ja in dichtem Gebüsch abseits von jedem gepfadeten Weg verborgen, es war fast unmöglich, sie zu finden. Und dann: wenn man kein Spezialist war, der die Vergiftung an Anhieb entdeckte und ein Labor besass, wie es Kuno Rahl für uns hatte benutzen können, wie sollte man die Botschaft verstehen? Das musste der Erpresser erst noch am Telefon erklären, und dann hätte er bloss Zeit verloren, wenn er den andern noch auf die Finnenbahn geschickt hätte OK not red!

Denkbar war in meinen Augen, dass der Täter geisteskrank war und an einer Wespenphobie litt. Das gibts: solche Menschen, die z. B. zwanghaft alle Wespen oder Bienen oder Hornissen usw. töten müssen, weil sie eine panische Angst vor ihnen haben. Mit jeder getöteten Hymenoptera wächst dieser Angst (die Wespen oder der Feind, der sie geschickt hat, die sich rächen wollen) und steigert sich bis zum Delirium. Das kann hoch­in­tel­li­gen­te Menschen in hervorragender beruflicher Position treffen, also auch einen In­sek­ten­for­scher. Ich musste ein Fahndungsgesuch herauslassen in psychiatrischen Kli­ni­ken, Psychiatrieheimen, Privatsiedlungen für psychisch kranke Menschen sowie An­ge­hö­ri­ge, die psychisch Kranke betreuten. Der Hass, der sich in dieser ganzen Inszenierung äusserte, konnte aber auch dazu geführt haben, dass der menschliche Feind mitgeschleppt worden war, um der Exekution beizuwohnen und dann selbst hingerichtet worden war. In dem Fall war die Leiche verscharrt worden und die Biene für die Szenendekoration benutzt worden. So oder so musste der Bienenkiller das ganze Zeug plus vielleicht einen weiteren Menschen anschleppen, und das ging nur mit einem Geländefahrzeug.

Eine recht andere Hypothese war möglich: der Mensch war psychotisch, sehr in­tel­li­gent, vielleicht sogar noch berufstätig, er konnte scheinbar völlig rational funk­tio­nie­ren und seine Handlungsabläufe clever koordinieren, nur seine Ziele waren wahnhaft. Das fiel womöglich niemandem auf, solange es sich nur um den Zwang handelte, einzelne Bienen zu töten. Meistens sind aber solche Phobien mit der Angst verbunden, dass die Insekten oder ein Mensch, der sie schickt, sich rächen werden, und absurderweise bringt das immer schnellere Töten von immer mehr Bienen vorübergehend Erleichterung. Der Täter will seine Angst kurieren, an die Folgen mag er gar nicht denken, er handelt instinktiv. Vielleicht hatte er von Berufes wegen Zugang zu einem kleinen Geländetransporter, wie sie z. B. Monteure für Leitungsbau brauchen, vielleicht auch selbst einen klammheimlich aus bil­li­gen Bestandteilen gebastelt.

Aber dann war noch etwas möglich: so ein Transporter hat vorne zwei Sitzplätze, es konnte jemand mitgefahren sein, entweder einer, der seinen Wahn für eigene Zwecke nutzen wollte, und dann konnte einer den andern oder beide je den andern umgebracht haben, erst den andern, den verscharrt, dann sich und irgendwo in ein Tobel hin­un­ter­ge­sprun­gen. Oder es war ein zweiter Irrer, dann konnte dasselbe Szenario abgelaufen sein. Angesichts der Reichweite solcher Fahrzeuge konnte der Endpunkt irgendwo in einem Umkreis von 200 km in nicht allzu gebirgigen Gelände liegen, das war für mich un­in­ter­es­sant. Am Tatort selbst Spuren zu suchen, die mich schliesslich zum Ausgangspunkt, kausal, zeitlich und örtlich führen konnten, hielt ich für möglich, dabei konnte ich ja auch noch qualifizierte Hilfe anfordern. Im Moment musste ich nach Indizien suchen, die nach drei Wochen Schönwetter noch andeutungsweise sichtbar waren, deshalb meine Suche mit längeren Strecken auf Pfaden und begleitendem Abschweifen in das Dickicht. Einiges hatte ich beim ersten Mal ja schon gefunden, jetzt musste ich das ausweiten. Ich fotografierte dies und das, was mir interessant schient, dann kehrte ich nochmals zu einem Stein­bro­cken in der Nähe des Fundortes zurück, weil mich die ganze Zeit das unbestimmte Gefühl umgetrieben hatte, dass dort etwas sein musste. Und jetzt hatte sich die Vermutung kris­tal­li­siert, ich wusste, wonach ich suchte.

Wald Steinbrocken Herbstwandern im IsarwinkelSchauen Sie sich dieses erstaunliche Gebilde an, das die Natur geschaffen hat: einen Kiefernsamen hat ein Windwirbel in eine Spalte unter einem vorragenden Felsen verweht, dort konnte es bei horizontalen Winden von Zeit zu Zeit hineinregnen, der Same hatte ausgekeimt. Kiefersamen haben eine Spitze, die härter ist als Porzellan, und die Zapfenschuppe, auf der sie seitlich oben sitzen, wirkt wie eine winzige, aber extrem leistungsfähig Hydraulik, jedes Mal, wenn sie befeuchtet wird und wieder austrocknet. Dieses kleine Gebilde hatte vielleicht ein Jahr lang einen Riss ausgewietet, bis der Felsen darüber einen Spalt weit aufsprang. Jetzt hatte die Minikiefer ihren Weg nach oben gefunden und bekam reichlich Nahrung von allem, was ständig hineinfiel. Sie begann, Querwurzeln auszutreiben, die wie feine Draht­span­gen die gesprengten Felsteile zusammenhielten, indem sie ihrerseits feine Risse durch­wu­cher­ten. Auf dem Foto sieht man sie deutlich, ein deutscher Kollege hat sie im Neckarwald geschossen und mir gefunkt. Damit hatte die Kiefer schon einmal einen wuchtigen Nahrungsbrocken, den sie gewissermassen an ihre Brust drückte. Jetzt begann die dünne, aber enorm starke Pfahlwurzel steil und rasch nach unten zu stechen, bis ins nahrhafte Erdreich (im Durchmesser wachsen konnte sie dann ohnehin von Jahr zu Jahr, die Erde liess sich leicht zur Seite drücken), zugleich aber führt der Baum die Radix aus, den Kranz an Nährwurzeln, mit denen er den Stoffaustausch mit dem Boden sichert und nun seine Krone prächtig entfalten kann. Fünf Jahre hatte er vielleicht im Ganzen gebraucht, um eine hübsche, biegsame junge Kiefer mit einem reizenden Federbusch obendrauf zu werden.

Etwas aber hatte mein freundlicher Kollege auf seinem Streifzug nicht bemerkt, und deshalb hatte er das Phänomen von dieser und nicht von der andern Seite geknipst: Eine der 4 Steinplatten lag nicht genau so wie die andern, sondern war ganz leicht schepps, die hatte sicher keine Wildsau verschoben, um darunter Morcheln zu graben, in dem Wald wachsen keine Morcheln, und Säue wissen das genau. Jetzt wollte ich wissen, wozu sich ein Mensch die Mühe gemacht hatte. Ich habe immer in meiner Botaniker-Ausrüstung dabei, eine kleine Box, die wahre Wunder leistet, ein Mikro-Wagenheber, hier in Originalgrösse, etwa handtellergross. Drin ist unter 6 atü komprimierte Luft, die beim Anheben den Kopfteller schon einmal ein paar cm hochdrückt, so dass der Wagen auf dieser Seite nur mehr leicht auf dem Boden andrückt. Das Hochfahren geschieht ganz gemächlich, Sie können mit der Stellschaube links vorn noch regulieren. Dann ziehen Sie den Pumphebel links bis 30 cm heraus und beginnen ihn jeweils hochzuziehen und hin­un­ter­zu­drü­cken, er funktioniert mit einem Velopumpenventil. In 15 Minuten haben Sie den Wagen soweit, dass Sie den Reifen wechseln können.

Wagenheber montage mitSchlagschattenMein Exemplar ist die Profiversion: K+K-Stahl, alles zusammen nur 4,9 kg leicht, verstärktes Ventil: Sie können damit, wenn Sie das Ding in eine Felsspalte hineinkriegen, die so ausweiten, dass es die Platte sprengt. Ein menschlicher Kiefersamen, wir machen eh alles der Natur nach, sag ich immer. Ich hatte einen Verdacht. Zuerst stemmte ich die schräge Platte noch ein bisschen schräger, dann sah ich, dass sie seitlich einen senkrechten Spalt freigab, in den ich einen zähen Eichenast hineintreiben konnte, und siehe da, plötzlich rotierte der ganze Brocken samt einem Stück Zementboden, das mit Nadeln und Humus zugedeckt war, um 40° im Uhrzeigersinn um seine Innenachse. Ein enges Feuerwehrleiterchen führt zu einer Bo­den­plat­te, die man leicht aufhebeln konnte, danach ein zweites Leiterchen bis zu einer schrägen, übertunnelten Rampe, die ziemlich tief absank und in ein leeres Wasserrohr überging. Da hatten wohl vorausblickende Wasser- und Bodenbauingenieure ein Ent­wäs­se­rungs­netz unter der Hönggerberg Nordflanke vorgesehen, die vermutlich irgendwann in der Limmat landete. Damit konnte man verhindern, das bei Unwettern der Was­ser­über­schuss, der vom Kamm abwärts überall in die Felsspalten des Karstbodens drang, Druckkavernen bildete, die ganze Hangteile aushebeln und zu Tal befördern konnten. Wirklich sehr klug – aber war das im Kataster und kam das Stadtforstamt dafür auf? Sonst hatten die Erfinder auch gleich noch für ein über Jahrzehnte hinweg stabiles Netz von freiwilligen Fachleuten sorgen müssen, die nach Unwettern durch die Rohre schrammten und Lehm und Gesteinsknollen ausräumten. Sie können ausmalen, wieviel Schwerarbeit das kostet. Am Schluss sollte man ja das Material wieder bergauf fugen, gestuft aus­brin­gen und konsolidieren, damit es nicht gleich wieder runterkullert. Ich wusste jetzt genug und konnte nach diesen guten Genien auf die Suche gehen. Ich hatte eine sehr viel ge­nau­e­re Vorstellung, auf welcher Linie man den Ein- und Ausstiegspunkt suchen musste, sobald ich einen Netzplan der Entwässerung behändigen konnte.

Am Dienstag 11. Mai hatte ich bereits ein Gespräch mit einem der Leiter der Frei­wil­li­gen­grup­pe. Die Arbeiten waren mit einem delegierten und unbezahlten Auftrag des Stadt­forst­am­tes gegen Ende des 20. Jahrhunderts begonnen und vor rund 20 Jahren beendet worden. Die Freiwilligengruppe war mit den Jahren geschmolzen und reichte noch knapp für die fälligen Arbeiten, in der Hoffnung, dass kein Jahrhundertereignis alles über den Haufen werfen würde. Die Stadt zahlte einen bescheidenen Kostenbeitrag, den Rest deckten – auch wieder knapp – die Mitgliederbeiträge (sie zahlten dafür, dass sie gratis arbeiten durften!) und 4 Kollekten im Jahr. Ich habe Udo einen Beitrag von 5000 Franken von den Witiker Wäschpi Stechern zugesichert und ihm gesagt, ich würde ihm Freiwillige bringen. In ihrem Stammlokal am Limmatufer, in der Baracke des Ruderclubs, hätten die Kollegen ein dreifaches Hipp – hipp – Hurrah auf die Witiker Kollegen ausgebracht, hat er mit hinterher gefunkt: Das seien noch rechte Mannen! In der Sprache sind sie halt noch konventionell und reden bei öffentlichen Geschäften nur von Männern, auch wenn sie schon längstens Frauen dabei haben. Ich habe dafür jetzt den Plan des Netzes, der wird uns die Orientierung ermöglichen, wenn wir nächste Woche, zwei Witiker Kollegen, meine Leserinnen und Leser und ihr Autor, uns auf eine Expedition in der Wasser- und Atem-Lunge des Hönggerbergs einlassen. Machen Sie schon einmal Übungen zum seitlichen Vorwärtsschlängeln ohne Gebrauch der Arme auf einem Linol- oder Parkettboden, aus­ge­zeich­net für Rücken-, Hals-, Bauch- und Oberschenkel-Muskulatur. Ich kontrolliere beim Antreten Ihre Fortschritte, verlassen Sie sich darauf, Sie müssen bereits ordentlich fit sein! Ausser dem Kriechen müssen Sie mit Armen und Händen in den Röhren noch allerlei anderes machen. Merken Sie, wie Sie von Kapitel zu Kapitel fitter und fitter werden?

Schlussschlinge