Kapitel 2


Kapitel 2Adventures in the Moor


Kuno Rahl arbeitet gegenwärtig an einer verrückten Idee, womit ich meine: „wahnsinnig gut”. Das hat sich gezeigt, als ich ihn tags darauf (Mittwoch, 6. April in der Karwoche 2039 für alle, welche nicht die Chronologie meiner Erzählungen ständig im Kopf nachführen wie Sie, Madame) in seinem Labor besuchte. Das besteht laut Mietvertrag nur aus einem Eckraum von 4 m·3,75 m = 15.00 m², wie der Mietvertrag der Vogelwarte Neerach pedantisch festhielt, um dann gleich darauf ebenso pedantisch zu präzisieren: „...in der süd–südwestlichen Abteilung der Experimentallaboratorien 4D”. Um die Ge­nau­ig­keit dieser Angaben war ich froh, als ich zum ersten Mal mit ihm daselbst eine Verabredung hatte.

LibellenhochzeitDie freundliche, aber sehr ge­schäf­ti­ge Dame am Emp­fangs­schal­ter war dabei, mit bei­den Händen gleich­zei­tig auf die bei­den Tastaturen ih­rer beiden TERRA Desktops zu­zu­grei­fen, deren Schir­me Seite an Seite auf dem Emp­fangs­desk stan­den, mit der Luft-Akrobatik von zwei Hufeisen-Azur­jung­fern auf ihrem Hoch­zeits­flug. Die beiden hier rechts sind schon im Röhricht gelandet und beim praktischeren Teil ihres Hochzeitstages: sind sie nicht von einer unglaublichen Schönheit? Wie ich auf den Vergleich komme? Ich hatte am Vortag, um mich auf den Austausch mit Kuno Rahl vorzubereiten, noch seine Filme über das Thema angeschaut, das ihn gegenwärtig am intensivsten beschäftigt. 3,5 cm ist das Weibchen, bis zu 4,2 das Männchen lang, und bei der Paarung bewegen sie sich zwi­schen zwei Stills mit schnellenden Bewegungen, um die sie sogar ein Roger Federer mit seinen berühmten Pulsrotationen beneiden müsste. Zeitweise sieht man nur noch irisierende Lichtwirbel, die in eine wahre Lichtexplosion auf der Farbskala zwi­schen hellstem Frühlingshimmel, tiefdunklem Südsee-Azur und ko­balt­blau­em Sommerhimmel ausmünden und verhauchen. Es ist zum Weinen schön. Vorausgesetzt, man hat die unerschöpfliche Geduld eines Kuno Rahl, seine Superkamera mit deren einmaligem Zoomteleobjektiv, sein unfehlbares Auge und die unfehlbare Hand, welche die Kamera laufend nachjustiert. Denn die Viecher sitzen nur ganz kurz ab, fliegen lange sehr hoch über dem Teich oder Tümpel, schiessen horizontal und vertikal wie Kampfdrohnen in alle Rich­tun­gen und sind dann fast unsichtbar. Eine kontinuierliche Sequenz von 15 sec hinbringen ist schon eine Performance, Sequenzen, die sich hintereinander zu einem Film der entscheidenden Phasen montieren ein Mirakel, Kuno war das erstmals in Europa gelungen, und als ich von Süden her auf dem Fussweg zum Zentrum um die Südostkante bog, hinter der sich die unscheinbare Tür zu seinem Labor verbirgt, schwebte ich immer noch zwischen Lichtblitzen und Li­bel­len und hatte Mühe, die Füsse korrekt voreinander zu setzen. Wo die Pforte ist, sehen sie hier unten:

Besucherzentrum Neerach mit pfeil

Ich muss noch ergänzen, dass diese Aufnahme vom Besucherzentrum Sem­pach stammt. Unseres, von Witikon gesponsertes, in Neerach hat die gleiche Grundstruktur mit ein paar anderen Ausführungen, die man bei einer flüchtigen Visite gar nicht merkt, die aber für unsere Zwecke entscheidend sind. Sie werden das gleich erkennen. Sie sollten jetzt orientiert sein, wir kratzen also mit dem Nagel des kleinen Fingers an der Pforte, ein paar Sekunden, dann hört man einen Sicherheitsschlüssel im Schloss drehen, die Tür springt nach innen auf, kommen Sie mit! Sie brauchen keinen Platz als imaginäre Zuschauer im Buch, ob drei oder tausend, anwesend ist nur ihre Aufmerksamkeit, sofern sie jetzt weiterlesen, und Aufmerksamkeit, ja, wie viele cm³ pro Person braucht die wohl an Spazi? ≤0, würden die Mathematiker es darstellen: auf keinen Fall grösser, eher kleiner, nämlich nichts! Und Luft verbrauchen Sie auch nicht, die bleibt also frisch, rein, und von der gefilterten Rietluft parfümiert.

Kuno Rahl«Hoy Mugg! (mein Scherzname bei den Sem­pa­chern)

Hoy Pfüdi! (sein Scherzname bei den Witiker Wäschpi-Stächern)

Wie häsches?

Fascht, mues noch schnäll dämsysringli setze. (Sie sehen das Stoffsäcklein in seiner Hand: drin ist ein Grünmeisenjunges, das er beringen und mit einem Mikrosender hinter dem Schnabel versehen wird).

Findest du?

Strampelt, scheisst dir in die Hand…

Das ist ein Zeichen von beginnendem Vertrauen, bei Jungvögeln vor der Flügge ist halt die Scheisse eines der Spielzeuge, die sie benutzen.

Und die andern?

Lachende Schleiereule NestlingFedern, andere oder aufgelesene, Halme, Gräser, junge dünne Rietröhrchen, Steinchen, Süsswassermuscheln aus unsern Gewässern, Häutungshüllen von Grillen, die sie ins Wasser legen, um sie wieder elastisch zu machen und dann mit Wasser füllen bis zum Platzen und am offenen Ende im Schnabel so lange rotieren, bis die fest abgebunden sind. Dann werfen sie sie in die Luft und beissen in der Mitte zu, wobei der Wasserstrahl immer der Spielpartnerin mitten in die Schnute geht. Dann senken sie kurz den Kopf und schauen dich seitlich an, um zu wissen, ob du das auch lustig findest, und am Schluss werfen sie den Kopf hoch, klappern mit dem Schnabel, schütteln minutenlang den Kopf und lachen wie eine Schleiereule, und das tönt auch genau so; wenn du die Augen schliesst, hörst du ein vierjähriges Kind lachen.

Tatsächlich! Und warum lacht der jetzt schallend? Du hast ihn doch ganz streng in deinen gestreckte Hand gedrückt, der ist wie eine Minisalami geworden, die Beine nach hinten an den Bauch gelegt, den Kopf von deinem Daumen schräg seitlich nach links unten, dann hast du ihm den Ring über den linken Fuss auf die Fussfessel geschoben und den Knopf mit einer Klemmzange in die Kopfhaut gepresst, das musst doch wahnsinnig weh tun? Aber kaum hast du ihn losgelassen, lacht er wie verrückt. Spinnt der?

Menschliche Fehlinterpretation! Junge Schleiereulen bis 4 Wochen sind zwar schon flügge, und zwar von Geburt an, fühlen aber überhaupt keinen Schmerz. Das wäre natürlich riesig gefährlich, wenn sie nicht wie der Blitz auf– und davonfliegen könnten, der Fressfeind ist normalerweise so verblüfft, dass er es aufgibt, und 5 Sekunden später sind die schon verschwunden und machen zwischen den Schilfrohren dicht über dem Wasser Slalom mit 50 bis 60 Sachen in der Stunde. Sie wissen genau, dass ihre Mammi sie schon erwartet, richtiggehend verküssen und toll und voll stopfen wird. Da freuen sie sich schon darauf.

Du meinst, sie sehen richtig voraus?

Bis zu 24 Stunden. Ich habe oft den Eindruck, dass 2 bis 3 Spielkameraden Spielpläne entwerfen, man sieht sie nämlich ähnlich den Bienen auf einem sandigen oder mit Rietgras bedeckten Areal eine Art Tänze machen, ich habe das viele Male genau protokolliert aus Einzelaufnahmen und dann mit dem Röntgenstrahl (zu dem kommen wir dann noch) über 24 Stunden verfolgt und eine genaue algorithmische Entsprechung gefunden. Ich erinnere mich, dass es noch in meiner Jugend ein paar alte Bauern hier im Rietgebiet gab, die das Röhricht pflegten, die lockten jeweils junge Schleiereulen mit Futter auf ihre Handschale, streichelten und fütterten sie mit Appetitbrocken und liefen das Riet auf und ab, und dabei schauten sie gebannt auf die Kopfbewegungen der Vögel, aus denen sie jeweils das Wetter für die nächsten 24 Stunden ablasen, und die Vorhersagen waren erstaunlich richtig, besser als die damals noch mit schwindender Wahrscheinlichkeit auf 3 Tage berechneten Prognose der Me­te­oro­lo­gi­schen Anstalt. Auch da habe ich Tabellen mit Entsprechungen zwischen dem Wetterverlauf und den verbalen Prognosen, die ich beim Begleiten der Wärter notiert habe.

Wir haben ja noch 3 Vögel im Feucht–Säckchen, die sind sehr munter, ich beringe sie rasch, wenn ich nicht rede dazu, geht das keine 2 Minuten, und dann gehen wir mit allen drei zum Válido Arnold, dem Röntgenspezialisten. Der zeigt dir das Synchrothotron, in dem der Strahl produziert wird und geht hernach mit uns auf's Dach, wirft die Vögel in den aufsteigenden Strahl (den merken sie nicht einmal) und geht mit uns und seinem Tablett zu einer Nest­stel­le im Schilf. »

Radar Vogelwarte Sempach SRGSSRType Md woff2Wir als virtuelle Gestalten, Madame, Monsieur und Ihr Autor, sind natürlich durch drei Decken schon ins vierte Untergeschoss hin­durch­ge­beamt, der Herr mit den roten Ärmeln ist Felice Lerner, der Leiter der Rönt­gen­ab­tei­lung, ihm ge­gen­über sitzt ein Adjunkt, beide schauen genau auf den horizontalen Bildschirm zwi­schen ihnen, von dem aus sie den ganzen Vorgang steuern, die weisse Kuppe links ist die Richt­strahl­kap­pe, aus der der Mikrowellenröntgenstrahl gebündelt durch 7 Betondecken hochschiesst und wir werden gleich sehen, wie's oben unter freien Himmel weitergeht. Das Synchrothron sehen wir rechts im Winkel, hier sieht man es noch näher, es gibt sich ganz bieder, in Wirklichkeit ist alles auf den Tau­send­stel­mil­li­me­ter berechnet und gewerkt: dünne, enorm lange Stahl­schläu­che mit mag­ne­ti­schen Wandwicklungen darum, ein High–End–Transformator, ein paar unauffällige Dioden und Kipphebelchen wir bei den alten Revox-Pro-Ton­auf­nah­me­ge­rä­ten. Mehr brauchen wir nicht zu wissen. Alles aufsitzen auf den Röntgenstrahl, keine Angst, es tut nicht weh. Wwhumm! schon sind wir durch die vier Decken durchgebeamt und stehen auf der Abflugterrasse, die sich im Süd-Südost-Nordost-Nord-Querflügel des Gebäudes befindet, im 3. Oberstock (daher 7 Plafond–Deckel!). Und das unten ist Felice Lerner, der Abteilungsleiter. Eben hat er 3 Meisli hochgeworfen aus dem Handgelenk mit gestrecktem Arm, sie sind jetzt im Strahl eingetunnelt und wir werden uns auf die oberste Plattform schwin­gen, von wo aus der Heli hundert Meter über dem Flugverband alles, was sich im Strahl an Vogelzug Diagramm verlag erklaerenBildern bün­delt im Umkreis von 4 km kon­den­siert, aus un­zäh­li­gen Signalen die einzelnen Vögel in seinem Bordcomputer wieder her­aus­kris­tal­li­siert und auf einem Laufband in Schichten von je 15 m horizontal über einen Schirm ziehen lässt. An jedes Strichlein, das einen Vo­gel darstellt, ist ein Bild–Thumb geheftet, klickt man den, so folgt eine Teleskopkamera seinem Flug und verschiedene Diagramme zeigen die Flugcharakteristiken, die Frequenz des Flügelschlags (den man sogar hört, zusammen mit den Schreien) und eine Reihe weiterer Parameter. Dieses Wunder der modernen Technologie war bereits Ende 2014 im Einsatz, seither hat einfach die Miniaturisierung und die Bildauflösung noch enorme Fortschritte gemacht. Die Apparaturen sind bewusst alle ureinfach gehalten im Revox-Pro-Look. Dadurch eignen sie sich hervorragend für die Aus­bil­dung von Nachwuchsforscherinnen und -en. An alles haben die Gründerväter gedacht, allen voran Felice Lehner. Dass wir heute mit ihm patrouillieren dürfen, ist ein hohe Ehre, vergessen Sie nicht, ihm am Ende gebührend zu danken!

Diese Diagramme beschreiben die Distanzen, die beringte Vögel zurückgelegt haben, und von denen die Ringe wiedergefunden und dokumentiert werden konn­ten. Daraus ergibt sich, dass durch den Klimawandel und das sich dadurch verändernde Magnetfeld der Erde (Vögel orientieren sich überwiegend am Erdmagnetfeld und an den Sternen) die Vögel zunehmend die Orientierung verlieren (sich „verfliegen”), sodass die statistisch belegbaren Distanzen der Vögel zum Abflugort im Lauf der Jahre immer geringer werden, sowie die Anzahl der wiedergefundenen Ringe in größeren Abständen.

«Der Startpunkt unseres Schwärmchens, erklärt jetzt Felice Lehner, beträgt schon 267 m, wobei sie noch sehr gemächlich auf 450 m kreisen und sich orientieren, deshalb schwankt diese Zahl bisher zwischen 90 und 320. Geeicht ist sie nach dem Äquatorialpunkt West, das ist der Schnittpunkt zwischen dem Medianbogen des eurasischen Kontinentalspickels, der theoretisch durch das Observatorium von Greenwitch läuft, und der westlichen Bogenlänge 0.0, die zugleich gegen Westen und gegen Osten hin weiterläuft. Man muss sich vorstellen, dass hier die lateralen erdmagnetischen Felder nach allen Seiten ausquellen (nicht von den beiden Polen aus) und mit der Erdrotation einmal in 24 Stunden um die Polarachse drehen, während diese Achse ihrerseits in einem unregelmässigen konischen Kreisel um ihre eigene Mitte rotierte, die wiederum von der Sonne in eine Gegenrotation versetzt wird. Und was dann erst die Magnetfelder machen, daran sollen diejenigen lieber nicht denken, denen beim Wort Vektorgeometrie in der Mittelschule schon übel wurde. Das machen alles unsere gefitzten Meislein für uns.

Einfach so? fragt eine gewichtige und, wie es den Eindruck macht, hoch­in­ter­es­sier­te Dame mit zögerndem Misstrauen.

So schon, aber nicht so einfach. Seit 25 Jahren wissen wir mit Sicherheit, dass alle Zugvögel, angeschmiegt an die langgezogene Gehörschnecke zwischen Vorderschnabel und Hinterkopf, eine Mag­net­schne­cke haben, die genau gleich aussieht, mit den famosen Wimpern im gewundenen Hörgang, unten die gröbsten und am Ende, wenn der Gang schon nur mehr ein Nadelöhr dick ist, die mikroskopisch feinen. Bei den Langzugvögeln, die eine absolute Ori­en­tie­rung brauchen, mit der sie selbst beim massiven Abtreiben in Wolken und Or­ka­nen immer wieder den Kurs justieren und Kraftaufwand und Kurs­ver­schie­bung berechnen müssen, um die Abdrift zu kompensieren und den optimalen Kurs zu berechnen, der sie möglichst ohne Zeitverlust an den jeweiligen Ziel­lan­de­punkt führt – bei diesen Vögeln also ist die trommelartige Mag­net­schne­cke kein Schneckenhäuschen, sondern eine langgezogene, an 4 Stellen mit Sextant-Bögen aufgehängt, die ihrerseits untereinander mit Ringen und Ge­stän­gen verbunden sind, die alle eng zusammengedrückt in Flüssigkeit in einer Hülle schwimmen. So sind die modernsten Sextanten gebaut, in denen alle Errungenschaften der modernen Technologie kondensiert sind. Die In­ge­ni­eure haben ganz einfach die Magnet–Röhre der Vögel studiert, die sie unter dem Elektronenstrahlen-Mikroskop monatelang studiert hatten. Voilà tout. Die Natur hat ihre eigenen Gestänge und Ringe, nämlich eng verschlungene Gruppen, verwindbare und in sich selbst drehbare Knäuel von Molekülen mit immer einem Boratom und dann noch N- und O- und C-Atome diverser Zu­sam­men­set­zung, und jeder solcher Knäuel repräsentiert eine Sextant Auf­hän­gung der ultramodernen Art. Da wundert es mich nicht mehr, dass unsere kleinen Freunde mit soviel Wunderwerken in so wenig mm³ Gehirn zu­sam­men­ge­ballt so klug sind, so vieles wissen und so viel voraussehen und das auch selbst sehr wohl wissen. Daher auch ihre Gelassenheit, sie sind einfach allen andern Flugwesen haushoch überlegen.

Gseschjetz, hasd'rjagsäit, dr Härgottwäissschó, wienert'Sachemues zä­me­schruu­be! ruft halblaut eine eher mastige, aber zugleich hochinteressierte und viffe ältere Dame.

Ischguat, häschmisowisoimSack! » antwortet der Ehegemahl, der, Hände im Hosensack, hinter ihr her trippelt, Kopf leicht nach unten, schelmischer Blick leicht nach oben, den Mund sarkastisch verzogen: linker Lippenbogen oben und unten wie ein Fadenstrick in die Länge gedehnt, rechter Bogen fast schmollend gerundet, rosiges Zungenspitzchen dazwischengesteckt. Und was ihn dann vollends sympathisch erscheinen lässt, sind die dicken Büschel Innenohrflaum, der sogar ein Stück weit in Flöckchen hinaushängt, als wollte eine Herde Lämmer übermütig auf die Weide springen. Offenbar ist ihm sau­wohl mit seiner Ehefrau.

Kuno Rahl ist seit einer Weile verschwunden, Felice Lehner lässt uns via Schnell–Lift ins 5. Untergeschoss tauchen, führt uns in einem leicht geschweiften tunnelartigen Gang mit Schienen für Materialtransporte (im Moment ist keiner unterwegs) auf einer lustigen Draisine im Schuss zum Westausgang des Be­su­cher­ge­bäu­des und von dort per pedes über einen filigran scheinenden, hängenden Karbonfaser–Steg an's andere Ufer des Entwässerungskanals. Jetzt stehen wir ehrfürchtig vor der grenzenlosen Weite des Neeracher Riets und saugen das Naturschauspiel in uns herein. Vor uns dehnt sich im frühen Morgengrauen ein entuferter Horizont und verschwimmt in zarte Dunstschichten, so dass man sich gleichzeitig unter Wasser, über dem Meer und mit den Schleierzirrus darüber schweben fühlt. Felice steht angespannt still, in der Rechten hält er sein Tablett, mit der Linken das Funkhandy ans Ohr, seine Blicke wandern wie Schein­wer­fer­kegel über seine Schützlinge, zugleich verfolgt er Bilder und Statistiken von Flugkonstanten auf dem viergeteilten Tablettschirm, tauscht knappe Statements mit mir aus, unterhält sich lebhaft in halb geknurrten Stichwörtern mit seinem Handykorrespondenten und spannt – ich fühle es deutlich – alle Sinne über das Moor aus, um jede Regung darin wahrzunehmen. Er kann das, mindestens sieben Wahrnehmungskanäle gleichzeitig offenhalten, er wurde, glaube ich, als Vo­gel­for­scher geboren, und seine Eltern, auch schon eminente Vogelforscher, nahmen bereits den dreiwöchigen Säugling in einem flaumenleichten geflochtenen Wei­den­körb­chen auf dem Rücken zu ihren Moorexpeditionen mit und stellten ihn, wenn sie mit ihren Lendenstiefeln für längere Zeit im Röhricht standen, schwim­mend zwischen Binsen eingeklemmt, aufs das aalglatte Wasser. Dort hat er dann wahrscheinlich, den Daumen zwischen die wulstigen Säuglingslippen gesteckt, mit der Natur und allen ihren Wesen Bruderschaft gefeiert. Denn noch heute ist für ihn alles, vom Wasser und dem Bodenschlick bis zu den komplexesten Vogelhirnen und zum Menschen keine Ansammlung unterschiedlicher Fakten und Fragmente, sondern ein einziger lebenspendender Atemzug aus dem All, in dem er selber wie ein kleines Planktonkrebschen fröhlich mitschwimmt. Jetzt erstarrt er, sagt nur noch OK ins Handy, reisst den linken Arm hoch (das Tablett hat er am Gürtel angeschnallt und fingert mit der Rechten darauf noch ein paar Sekunden weiter), die Hand an der Spitze des ausgestreckten Arms flattert, eine neckischer Wimpel, bevor er die Grosse Neuigkeit auf dem Fahnenmast hisst.

Neugierig? Dann versäumen Sie nicht das nächste Kapitel!

Schlussschlinge