Kapitel 10


Kapitel 10Am Schluss kam Delfina geschwommen


Juerg Allgaier blauHeim kam ich gegen Eins, an diesem Donnerstag, 18. Januar 2051, aber Eva war weg, nur ein paar hastig gekritzelte Zeilen lagen auf dem Küchentisch: Niemand informieren! Halt mir die Daumen! Bin zurück bis... dann brach die Zeile ab, nichts sonst in der Wohnung, keine Botschaft auf dem Beantworter, ihr Handy war natürlich weg.

Ich zog alles aus und ging in den Garten, legte mich ein Viertelstunde in den Schnee, bis ich nur knapp aufstehen konnte. Dann ging ich wieder ins Haus.

Ich stand lange unter die heisse Dusche und legte mich dann nass auf den lauen Küchenboden: Sie wollte die Funkstille genau begrenzen, man hat sie weggerissen, bevor sie ein Datum setzen konnte. Also war es eine Falle, man wird sie foltern, um Informationen aus ihr herauszupressen und sie am Schluss umbringen.

Für solche Überlegungen war jetzt keine Zeit.

Ich riss die Karte aus dem Handy, machte ein Reset und verbrannte dann das Gerät mit dem Bunsenbrenner im Spültrog.

Ich riss die Drähte vom Tischtelefon, nahm die Karte heraus und verbrannte sie, dann verbrannte ich beides im Spültrog.

Ich kritzelte eine Botschaft mit verstellten Buchstaben auf einen festen Zettel:

Eva kidnappt gefoltert? Remotepunkt klar.
Ziel einzeln eliminand. Beide oder keines ↤.
Funkstille!!! Keine Bewegung!!! Ende||

Ich rüstete mich für einen Einsatz von mindestens 2 Wochen und nahm auch Vorräte und reichlich Medizinal-Material mit und trug den Zettel im dichten Nebel ungesehen zum Inputschlitz an der Hintertür des Pflegheims, nachdem ich mich versichert hatte, dass meine lieben Freunde im Wald unterwegs waren und mich nicht bemerken konnten.

Am 19. spätabends kam ich nach einer längeren klandestinen Fahrt auf Wag­gon­dä­chern und zwischen rückgestossenen Rottannenbäumen vom Jura entlang der Dé­par­te­men­ta­le N86 Savoie nach Marenne und näherte mich dem unscheinbaren Pavillon bifamilial am Stadtrand, wo ich den Feind geortet hatte. Eva war vermutlich im Ge­päck­raum eines Rovers hierhergeschleppt worden, ich fand mit der Infrarotbrille ein paar Blutstropfen recht versteckt unter einem Busch an der Zufahrt und hoffte, Eva sei es gelungen, die unbemerkt dorthin fallen zu lassen. Es gab das so einen Trick, den wir beide kannten. Erste Freude: Die Blutanalyse auf dem Quick ergab positiv. Sie war im Haus, wenn sie bis jetzt widerstanden hatte, lebte sie noch. Ich schlich im maximalen Stealthmodus, für den ich 5 Stunden Batteriereserve hatte, im Quartier um die Villa herum und steckte wieder meine Zauberstäbe. Um 4 Uhr früh konnte ich auf einem der bekannten hohen, schwarzen Abzugskamine des bekannten Gourmets Restaurants Les Pieds dans le Plat im nahen Weiler Hotton BE eine kurze, gegen Marenne zugeneigte Stummel-Richtantenne mit Konkavspiegel und darunter die Radium-Lithium-Silizium-Batterie anbringen für Voll­be­trieb während 2 Tagen. Ich schaltet auf, es blinkte Rot, dann blinkend Blau und nach 1 Minute Grün: Die Nebelkappe ohne Fernkoppelung war installiert. Sie konnte natürlich die Daten nur sammeln und speichern, jede Koppelung zu einem Remote Computer war lebensgefährlich, aber ein raffiniertes kleines nicht dekryptierbares Programm mit wech­seln­den Dummys konnte eine Räuberbande und allenfalls herbeieilende Helfer während 2 Tagen in die Verzweiflung treiben. In dieser Zeit musste ich sie umlegen mit der Ma­xi­mal­be­waff­nung, die ich für Fassaden- und Dachkletterei anschnallen konnte.

Ich rannte unsichtbar zurück zur Villa Malfaiteurs, wie ich sie getauft hatte. Die Tarnung und die Dummyspiele waren schon auf Top geschaltet, ich konnte also munter mit klassischen Einbrechertechniken die Fassade erklimmen und mich auf das Flachdach hieven. Es hatte nur einen leichten Winkel, war aber aus massiven Epoxitplatten und sicher darunter nochmals verstärkt. Das spielte für die Röntgenstrahlen meiner Nachtsehbrille keine Rolle, die nehmen nicht einmal Bleiplatten unter 10 mm zur Kenntnis, die Feinde hatten sich mit 2 genügt. All das meldete der Schicht-Analyzer der Brille. Dennoch konnt ich nicht mit dem Pressluft-Steinbohrer, den ich dabei hatte, einfach Löcher bohren, obwohl ich genau wusste, denn ich sah ja das Innere in 3 D und konnte auch einen liegenden Körper ausmachen, der hie und da zuckte und von zwei Gestalten mit Strumpf-Kapuzen bewacht wurden. Ich musste mit dem Radar-Bunsenbrenner arbeiten, Stück um Stück anschmelzen und dann mit dem Heisskopf-Bohrer nachsetzen. Nach ein paar Minuten merkte ich aus dem Augenwinkel, dass ein paar Meter weiter vorn eine Luke aufsprang. Der Mann konnte mich weder sehen noch hören, musterte aber das Dach und hatte wohl Verdacht geschöpft und kam näher. Das Loch hätte er natürlich gesehen. Ich riss den Bohrer heraus, steckte den Bohrer und den Brenner mit Wärmedämmkappe in den Seitentornister, sprang auf den Mann und hieb ihm mit einem Doppel-Karate die Handkanten hinten und vorn an die Schädeldecke. Er blutete sofort aus einem Ohr und wurde ohnmächtig. Mit einer Stahldrahtschlinge band ich ihm die Füsse zusammen, band das andere Ende an einen Fleischerhaken, zerrte ihn zur Luke, hängte den Haken an den Lukenverschluss und liess ihn mit dem Kopf nach unten bammeln. Wenn ich ihn nicht vergessen würde, konnte ich ihn immer noch später lebend abholen. Dann sprang ich in den senkrechten Lukenschacht hinein, der unten mit einer Bodenklappe endete, unter der sich 3 Bewacher, Kalaschnikow auf den Knien, an einem Tisch mit belgischen Schin­ken­gip­feln guttaten.

Ich knallte mit den Füssen genügend hart auf, um die Klappe zu sprengen und als ich auf dem Tisch landete, hatte ich schon die Maske über, eine Blendgranate in eine Ecke geschleudert und die nicht gepanzerte Verbindungstür eingeschlagen. Die zwei Folterer in ihrem Dummy-Dusel hatten nichts gemerkt, sie hörten und sahen nur wuchtigen Porno auf einem schwarzen Bildschirm und rieben sich diverse Körperteile, überzufällig oft den gleichen. Musste was Anatomisches sein, ich habe ihnen ein paar Dummys halbscharf mit Lachgas in die Brust gesetzt, bewirkt guten Schlaf und wenn innert 2 Stunden die Rettung naht, überlebt man das ohne Dauerschaden, sonst eben nicht. Irgendwo musste noch der Anführer sein, der stemmte sich gekonnt gegen die Teufelstanz der Dummys, war aber doch schon so beduselt, dass er einfach blind in alle Richtungen schiessend von der andern Seite zur gepanzerten Abschlusstür der Folterkammer kam, die kaum mit seiner Iriskontrolle öffnen konnte (die Augen waren wohl ziemlich verschwommen) und dann einfach herumschoss, ohne mich zu sehen. Allerdings mit so etwas wie Nashornpatronen, ich hätte keine erwischen wollen und krallte mich nach ein paar Rollen ihm entgegen, wo er mich am wenigsten vermutete, an seinem Rücken fest. Er kostete mich eine volle Vier­tel­stun­de, ehe er mit halb durchgeschlagenem Nacken am Boden zappelte. Vielleicht war er ja besonders zäh. Jetzt erst konnte ich mich über Eva beugen, sie losbinden und dann die Reanimation beginnen. Bis sie nur die Augen aufschlug. Aber da konnte sie schon flüstern: Du! 'g'wüsst! und ich: Pssssst!

Jetzt kam erst das grösste Problem, der Abtransport, und immerhin noch die Ret­tungs­kräf­te alarmieren, ohne alle Gendarmen, Killer, besorgte Nachbarn und den SAMU hinter mir her zu haben. Zum Glück war ein Brandmelder 200 Schritt weiter vorn rechts um die Ecke, die Strassenkameras waren eh geblendet von meinem Christbaumschmuck, ich klebte einen Brandsatz unter den Melder, zog die Klebeschnur wieder um die Ecke 200 Schritt zurück, schärfte dort den kleinen DTD-Stab und sprayte mit einem Handdöschen (alles in der Grundausrüstung des fleissigen Agenten) einen Brandbeschleuniger die Fassade unserer armen Opfer hoch. Dann holte ich hinter einem Busch in der gegenüberliegenden Brache einen Schlitten, den ein stiller Helfer (ein befreundeter Kleinganove, welcher der Polizei als Informant diente und ein tapferer Mensch war) in einer Nacht zuvor aus einer Garage als Leiterwagen gestohlen hatte, damit in eine Garage eingebrochen war und dort in der Nacht den Wagen auseinandergenommen, umgebaut, mit schwarzem Epoxid absichtlich liederlich besprayt und dann mit einem Bunsenbrenner oberflächlich brüniert hatte, so dass er ganz nach Gerümpel aussah. Mit diesem kostbaren Gefährt konnte ich Eva abholen, festschnallen, dem Schlitten einen Tritt geben, der ihn auf der leicht abschüssigen, verschneiten Strasse zur Brache schiessen liess, die kurze Reissleine der Brandgranate ziehen und in 3 Sekunden 170 m weiter vorn sein, wo es mich nur noch zu einem Überschlag zwang, nach dem ich Eva hinterherrannte und den Schlitten knapp vor einer Steckpalme abfangen konnte. Als ich mich zu ihr herabbeugte, um zu fragen: Gaaat's? tönte es frech zurück: Schooo, aber z'langsam. Für einen Kuss war keine Zeit, ich musste ab zur National 86, wo ein Laster mit savoyischen Hochstämmen im Leerlauf stand. Der Chauffeur (das war dann schon ein Schweizer) half uns in den bequemen Hohlraum hinein, eine Art Tunnel, den er zwischen den Stämmen ausgespart und zu einer verhältnismässig wohnliche Karawane umgewandelt hatte. Dann stieg er in seine Kabine und liess den Motor aufbrummen, bis er warm war und die Kardanbacken sich um die Treibwelle spannten. Ein Zittern, ein Beben, und es ging los.

DreigelenkLasterDass ein Ka­bi­nen­las­ter mit 4 Achsen + ein Ge­lenk­an­hän­ger mit 6 Achsen speziell für den Transport der ge­wal­ti­gen Stämme austariert nicht exklusiv Stämme, sondern eine Misch­la­dung transportiert, ist recht häufig. Die Stäm­me werden meist in 10er-Paketen verschickt, bis der Lagerplatz am Ende des Tages geleert ist, denn während der Nacht treffen laufend die auf den Flüssen ge­schwemm­ten Stämme zu Hunderten ein und der Lagerplatz muss genügend Raum dafür haben, sonst kann man die Stämme nicht aus dem Wasser flötzen und sie verderben. Da kann es dann passieren, dass ein Bündel von weniger als 10 um eine Ladung Holzkohle oder Savon de Savoie oder Moutarde Savoyarde in Styropor gewickelt, Plachen darüber gezurrt und die Enden mit einem Zollsiegel versiegelt werden. Ist am Lastwagen nichts Verdächtiges und kennt man den Fahrer als zuverlässig, gibt es an der Grenze meist nur eine formelle Inspektion und der Laster wird durchgewinkt. Einige Fahrer halten ausserorts am Strassenrand und übernachten dort, um bei Tageslicht fahren zu können. Private „Halb-TIR“ können auch Sondererlaubnis für 1-Chauffeur-Fahrten be­kom­men. Das einzig Auffällige (niemand sah es vor der Abfahrt) war in unserem Fall, dass der Chauffeur selbst die Planen zuwickelte, die Trosse darumzog und das alles mit einem eigenen Siegel verschloss, das identisch war mit jenem des Versandbetriebes.

Meine Pflege unterwegs musste für Eva offenbar die richtige gewesen sein, sie war schon durchgehend wach, plauderte mit mir, schaute sich um im Dunkel, das sich für uns bald in fliessende Grautöne verwandelte („Im Dunkel sehen”!). Nach 5½ Stunden waren wir in Saint-Louis-près-Bâle an der Schweizer Grenze und hielten in unserer Röhre den Atem an. Sehr lange passierte gar nichts, dann heulten von allen Seiten Polizeisirenen auf, französische Gendarmerie und Schweizer Grenzwachtwagen (wenn man sich ein wenig auskennt, kann man sie leicht unterscheiden), vorne wurden beide Kabinentüren aufgerissen, Stimmen ertönten, wie merkten, dass rechts ein neuer Fahrer zustieg (Holzlaster haben oft Rechtskabine, einige können die Fahrerposition auch invertieren). Vorne wurden offenbar der Motor, seitlich mit Schlagstangen die Bremsen getestet, und dann donnerte der Diesel auf und es ging los, vor uns Schweizer Grenzwacht. Nach und nach wurden die typischen Klaxon der französischen PKWs seltener, es tönte immer mehr nach Schweiz und wir zwei schliefen einfach ein, bis uns freundliche Stimmen weckten. Ein Ambulanz stand mit offener Hintertür vor dem Pflegeheim Witikon am Hintereingang, uns beide hatten man schon auf den Rollbahren ausgefahren und wir sahen in die lachenden Gesichter unserer Vier Alten Freunde: « Wieso schmöcked ihr au esooo nach Rot­tanne­haarz? Sind'r'z'lang im Wald gsy? » Dann fielen uns schon wieder die Augen zu. Die Stämme waren übrigens in der richtigen Sägerei gelandet, das möchte ich betonen, wir haben keinen Schaden verursacht. Und die Söldner sind leidlich zusammengeflickt, keiner hat irreparable Schäden davongetragen, es ist Ihnen deutlich besser gegangen als uns.

Am nächsten Morgen stand ich im Notspital neben Evas Bett. Sie schlief unruhig, keuchte, die Blut- und Pulswerte auf der Anzeigetafel gefielen mir überhaupt nicht. Der Abteilungsarzt informierte mich Minuten später mit gesenktem Blick über die Gefahr, dass man würde mehrere Organe reimplantieren müssen, es werde Jahre dauern... dann brach er ab und ging hastig hinaus und reichte die Türfalle einer Pflegerin, die ich sofort erkannte: Yvonne Banater! Sie kam geradewegs auf mich zu, umarmte mich und sagte dann lächelnd: „Der spinnt, ich bring dir dein Everl schon wieder auf die Beine, ich sage nicht grad morgen, aber in einem halben Jahr läuft sie wieder rum. Schmerzen wird sie noch lange haben, das braucht eine ganze Umerziehung des Gehirns. Ich fange heute eine Therapiereihe an, mit der wir uns in Berlin immer wieder gerettet haben.”

Januar 2052: Wir sind wieder zu Hause, Eva und ich, aber immer noch angeschlagen, Man kann noch so geschult und vorbereitet sein, nach solche Erlebnissen holt einen das Stockholm-Syndrom ein, man hat irgendwie das Gefühl, wenn ein paar Leute einen so gequält hätten, müsse man letztlich eine schwere Schuld mit sich tragen. Ich bin physisch wieder fit und arbeite 50%, den Rest widme ich Eva. Ich lasse den Glauben nicht los, dass ich sie noch in gesundere Tage hineintragen werde, dass wir sogar noch Kinder haben werden. Ich sage ihr nichts davon, sie könnte es nicht ertragen. Sie zittert, denn jemand vor ihr von der Zukunft zu reden beginnt. Aber Yvonne und Reno Banater stehen uns beratend bei, unsere Vier Alten können auch kostbare Ratschläge erteilen. Unseren Anteil am Lohn und der Zusatzvergütung für unseren Einsatz sowie ein bedeutendes Schmerzensgeld haben wir auf Rat von Roger Manz in den Ausbau des Hauses am Glockenacker investiert, das ich als edlen alten Reitstall gekauft und nie dazu gekommen war, auszubauen. Meine Eltern haben in eine Stiftung für Mütter investiert und in einem Teil des Gebäudes schlichte, aber heimelige 2-Zimmer-Wohnungen eingerichtet, um die sich vor allem Yvonne Banater kümmert. Eine der Mütter hat ihr einmal gesagt, sie sei wie ein rettender Delfin aus dem Abgrund aufgetaucht und habe sie vor dem Leviatan gerettet, seither nennen sie alle liebevoll Delfina, und sie lässt es lachend geschehen.

Diesmal endet der Krimi ein wenig melancholisch im Ungewissen, das zu ertragen ist auch eine Aufgabe. Sind Sie mit uns ein Momentchen stille, liebe Leserinnen und Leser? Wir möchte Ihnen für Ihre Treue und ihr Verständnis von ganzem Herzen danken. Das nächste Mal kommt dann dafür etwas sehr Innovatives: Träumen Sie ein wenig, was das sein könnte – spannend wird es allemal!

Ihre SfS-Krimi-Redaktion

Schlussschlinge