Der Tod einer Biene

TodEinerBiene Titel


Kapitel 1Trauer am Käferberg


Tote BieneIst sie nicht ergreifend, diese noch fast mädchenhafte Biene, die im Kampf für ihr Volk hel­den­haft gestorben ist? Hätte sie nicht ein volles Bienenleben verdient, 60 volle Tage viel­leicht zu ihren um die 20 schon gelebten hinzu? Und müssen wir Sie nicht dafür be­wun­dern, dass sie sich ohne zu zögern in den Kampf gegen einen mächtigen Feind ge­stürzt hat, um ihn zumindest auf­zu­hal­ten? Oder ist ihr Autor gerade dabei, diese arme Biene ungehemmt zu ver­mensch­li­chen und ihr damit einen Bä­ren­dienst zu leisten? Als wäre er selbst einer jener seltenen Bären, die der Hunger in extrem kalten Wintern bis in die Nähe von Wintersportzentren vordringen lässt.

«Und was tun die so, die seltenen Eindringlinge?

Sie wenig, ausser Futter suchen. Sie haben Hunger und kalt, und denken nur an eines: Wo ist das nächste, saftige und zarte, höchstens angefrorene Stück Fleisch, das schon auf mich wartet und daher sicher mir gehört?

Dann kommt da eine smarte junge Dame im Skiwochenende an der Peripherie eines Winterkurorts mit 10'000 Wochenendskifahrern, dort wo auch unser Bärli sich umtreibt. Die beiden treffen sich, das ist unvermeidlich, irgendein Smarter mit Smartie ist immer rum und der Bär kreist und kreist endlos. Es muss zu Überschneidung dieser Kurven an einem oder mehreren Punkten kommen.

Ja und dann? Und keine Geometrie, bitte, ich will die beiden bei der ersten Begegnung sehen!

Tja, der Bär erhebt sich sehr interessiert auf die Hinterbeine, in seinem Fall bedeutet das Neugier mit positivem Vorzeichen.

Und was ist sein Fall, worauf steht er so, ihr Brownie?

Halt, halt, halt, jetzt generalisieren Sie. Als Brownie wäre er Amerikaner und bei uns im Freien inexistent. Als Schweizer aus dem Nationalpark ist es vermutlich ein Klein–Alp–Bär und eine der menschenfreundlichsten Unterarten. Er geht grundsätzlich davon aus, dass Menschen ausser ihm und seiner Mammi die liebsten Zweibeiner sind und dass es nach einer ersten Begegnung, wo er doch einen vorsichtigen Abstand wahrt, unweigerlich zu einer engeren Freundschaft kommt.

Und?

Früher oder später entdeckt ihn ein eifriger Selbstdarsteller im Net und schiesst ein Selfie mit riiiiiiiiesigem Grizzlibär (dass es überhaupt an die 40 Bärensorten gibt, die sich im Verhalten sehr stark voneinander unterscheiden können, will ihm nicht in den Kopf, und noch weniger, dass es bei uns in der freien Natur keine Grizzlies gibt, es sei denn, man schleppe sie ein oder herbei). Oder die smarte junge Dame, zu deren professionellem und privatem Habitus es gehört, Tag und Nacht mit „dem Smarten” in der Hand zu verbringen (geschickten Freiern gelingt knapp das Kunststück, es ihr vor­über­ge­hend abzunehmen): Die sieht das Untier, schreit und rennt. Aber geis­tes­ge­gen­wär­tig nur 70 m, dann sieht sie sich flüchtig um: Der Kleine, der sich da so tappsig aufrichtet, ist wirklich putzig, der will doch nur spielen. Jetzt berichten Sie, Madame, wie's Ihrer Meinung nach weiter geht?

Ich bin ja nicht blöd, ich renn ja weiter oder brüllend auf den zu!

Hab schon verstanden, Sie tun das einzig Richtige: Warten und nichts. Wird Ihnen kalt im Schnee?

Ich hab 'ne gute Parka und bin kein Gfrörli.

Easy, dann warten Sie weiter, es geht nur noch Minuten, dann nähert er oder sie sich vorsichtig.

Wie unterscheide ich ihn von ihr? Das interessiert mich nämlich.

Gar nicht, der Unterschied für Nichtkennerinnen ist null, für Tierkenner der zwischen Weibchen und Männchen mit allen Attributen samt einem prächtigen Sexual- und Partnerverhalten und lebenslanger Treue. Wenn man weiss, wie schauen, sieht man die Unterschiede, aber man sollte näher sein. Warten sie also.

Und Es, sieht Es bei mir den Unterschied? Das möchte ich nämlich schon.

Typisch weiblich, wie sie reagieren, und schön. Männer sagen meistens: Der bringe ich es schon bei! Dass das andere ein Mann sein könnte und der auf Gewalt sehr energisch reagiert, fällt ihnen nicht ein oder sehr spät. Und zu Ihrer Frage: klar sieht er den, auf 500 m selbst in der Nacht, dann riecht er ihn nämlich, die haben eine verdammt feine Nase. Es riecht sogar, ob einer oder eine aktuell an Sex interessiert sein könnte (unser Bärchen fühlt zart vorsichtig), und fast immer „tüpft er es”. Selbst ist Es als Jungtier an der Schwelle diesseits der Geschlechtsreife (das kann ich sicher beurteilen), an Sex keineswegs interessiert, es macht „ihns” aber nichts, wenn der / die andere es ist.

Schade! Eigentlich…

Eigentlich. Aber seien Sie nicht enttäuscht, denn Es möchte Liebe erfahren und Liebe schenken, Es ist ein professioneller Schmuser und kann das besser, als die meisten menschlichen Liebhaber. Das könnte auf Sie fast wie die Aufforderung zum Vorspiel wirken. Wenn Sie sie abweisen, nimmt Es das nicht im geringsten Übel, es ist ja ein Spiel, da darf der andere ausweichen. Ich kann Ihnen sagen, es ist ergreifend, wenn man darauf eingeht, in vorsichtigen Schrittchen und von Mal zu Mal, von jetzt an sucht Es Sie nämlich aktiv und rennt Ihnen nach.

Gibt's da nicht die Gefahr, dass Es zum Stalker wird?

Ein Stalker ohne Besitzansprüche, er will ja nur spielen, aber im Gegensatz zu Ihnen hat er natürlich keinen Zeitbegriff für Arbeit. Wehren Sie Es entschieden, aber liebevoll ab, keine Schläge, reden sie mit Ihns, Es ist entzückt, wenn jemand mit Ihns plaudert, leise, lang und abwechslungsvoll, das liebt es genau so, wie wenn seine Mama ihm den Bauch abschleckt und ihm in die Ohren bläst.

Sind die genial! Ich bin schon traurig, dass ich noch keine Bärenfreunde habe!

Das kommt schon, von jetzt an halten Sie die Augen offen. Und übrigens: Freundschaften zwischen Bärenweibchen und Menschenfrauen gelingen besonders gut, meistens entstehen daraus Freundschaften fürs Leben, und der Gedanke, in der Natur draussen eine Freundin fürs Leben zu haben, ist etwas Ergreifendes. Und es hält vor und nach Erreichen der Sexualreife.

Hören Sie mir auf mit dieser sentimentalen Schnulze! ruft jetzt ein smarter Jungmann dazwischen, der sich das Leben auch nicht mehr ohne Selfies vorstellen kann, man muss halt diese Tiere dressieren!

Haben Sie schon mal einen dressierten Freund an der Leine rumgeführt? Oder einen in der Zirkusdressur für Wildtiere geschliffen? Bringen Sie mir Fotos, dann glaube ich Ihnen. Der nächste Schritt heisst erschiessen und der letzte ausrotten. Dann parieren die auch, oder es stört niemand. Und eine Warnung: Wenn ein Bär, auch der gutmütigste, sich wirklich angegriffen fühlt, dann schlägt er tutti zurück. Man weiss sehr genau, was dann passiert: das Mensch hat keine Chance, ausser er ist eine herausragende Fachperson, und die greift Bären sowieso nie an.

OK, schaltet sich eine reifere Damen ein, das ist alles recht interessant und ich folge gerne solchen Ausführungen. Aber bei der Exposition eines Aktionskrimis, im ersten Kapitel, erwarte ich doch, dass wir um ein bedrohtes Menschenleben zittern, ein armes Opfer betrauern, Gerechtigkeit für Miss­han­del­te wünschen, und dass der Tod einer Biene ein Fenster ist, durch das wir auf etwas Empörendes, oder zutiefst Erschreckendes Ausblick nehmen.

Sie kennen sich anscheinend aus in den Grundregeln eines guten Action Krimis, das freut mich sehr, denn Sie werden auf ihre Rechnung kommen. Meine Absicht war es, Nebenfragen a priori auszuräumen, die mit der Zeit störend werden können. Wir haben jetzt am Beispiel eines Klein–Alp–Bären gesehen, wie ähnlich bei allen typischen Unterschieden uns Tiere in ihrem Gefühlsleben sein können, ja sogar in dem, was wir als Psychisches, als Seelenleben bezeichnen. Jetzt sind Sie dann vielleicht nicht mehr schockiert, wenn ich Ihnen sage, dass Bienen ein ebenso reiches Gefühlsleben aufweisen wie Bären, einschliesslich eines erstaunlichen Repertoires an Gesten, Symptomen, Bewegungen, Verhaltensweisen und Geräuschen, die sie einsetzen, um diese Gefühle so zu kommunizieren, dass die andern Bienen vollauf verstehen und angemessen reagieren. Bienen finden sich ja untereinander genau gleich gross und kindlich oder erwachsen wie wir auf unserer Ebene, ihr Verhalten erscheint ihnen genau so normal wie uns unseres, und sie vergleichen sich nicht mehr mit uns wie wir mit Ihnen, wir vergleichen uns ja auch nur verbal, bildlich mit Ihnen. Oder suchen Sie sich, Madame, einen männlichen Partner danach aus, ob er Flügel hat, fleissig summt, bis zu hundert Mal pro Tag ausfliegt und (proportional) bis zu einer Tonne Honig ins Haus bringt? Möchten Sie persönlich so einen Mann?

Geschenkt, ich gebe Ihnen recht, fangen Sie bloss einmal an mit dem Krimi, dann verstehe ich vielleicht auch den kuriosen Untertitel.

Sofort. Die tote Biene habe nämlich ich entdeckt, sorgältig untersucht, erste Folgerungen daraus gezogen, und war dann nicht wenig erschrocken und habe sofort einen Bienenspezialisten mobilisiert, um genauer zu wissen, was zu tun war. Setzen wir noch Ort und Datum, dann geht es los.

Bienenschema

Dienstag, 6. April 2049, Karwoche, Tatort: Käferberg, auf halbem Hang zwischen Adlisberg und Friedhof Nordheim. Am Gegenhang, nordwestlich, unterhalb der Spitze, liegt das Pfadiheim Holzwiese. Ich habe dort als Fahnder gespettet, als Dank für eine Pfadipatrouille aus Oerlikon, die uns Ende März ausgeholfen hatte. Nach dem Einsatz, der schon um 15:30 Uhr zu Ende ging, war noch gut Zeit, privat mal wieder am Nordost-Hang herumzustreifen, der eine sehr sehr spannende Fauna und Flora aufweist, vor allem unter den Insekten. Um ca. ¼ nach Fünf war ich auf dem Rosshauweg. Den finden Sie nicht auf normalen Googlekarten, es gibt ihn aber durchaus. Sie müssen in Altstetten, in einem Arbeiter–Reihenhaus–Quartier, das bis auf weiteres aus dem Friedhof Nordheim ausgegrenzt wurde, den Salzweg finden, da helfen ihnen die Verkehrsbetriebe Zürich. Von Norden her bis zur Quartiergrenze heisst er so, von der andern Seite Richtung Norden heisst er... Friedhofstrasse, wo die sich treffen und trennen, ist noch nicht entschieden, denn sie sind nur provisorisch benannt, damit der Pöstler seine Adressen findet. Platzt der Friedhof aus den Nähten, kann die Stadt­ver­wal­tung das Quartier aufheben, mit einer Vorwarnung auf 20 Jahre, Zeit genug, um was Neues zu finden oder zu rekurrieren. Über einen Rekurs kann sich die Stadt nicht hinwegsetzen, sie muss vor Gericht gehen, dann fängt die lange Ge­richts­stre­cke an, die Sie, mit genügend Streitlust und Geld, bis vor Bun­des­ge­richt durchziehen können. Aber nach insgesamt 30 Jahren darf die Stadt Zürich einen Notfallbeschluss erlassen, der als Regierungsbeschluss nur rekursfähig ist vor der Regierung oder dem Kantonsrat, und der hat kaum Lust, 20 Jahre, nachdem der 1. Erlass rechtmässig erfolgt ist, nun alles umzustürzen. Also haben Sie kaum Chancen. Auch das ist helvetische Basisdemokratie: in administrativen Belangen und nur dort hat die Regierung das letzte Word, sonst würde ja jede dringliche Strassenerneuerung, jede dringlich benötigte Brücke für den Innerstadtverkehr 30 Jahre brauchen, bevor man überhaupt planen dürfte, es wäre also fast nichts mehr möglich, denn Menschen mit Rekursgelüsten gibt es immer zu Hauf, für die ist das ein Sport wie FussballLotto. Geschickt gemacht, kostet es kaum mehr und die Hänge–und–Zitterpartie hält viel länger an als eine Spielsaison. Also, hier hat man sich stillschweigend auf eine Vernunftlösung geeinigt. Bereits in der Ortsplanung ist das völlig anders, das betrifft meistens mit den Folgen mehr als eine Ortschaft und nicht selten die ganze Schweiz. Da hat dann wieder die Eidgenossenschaft ein Wörtchen mitzureden, und auf jeden Fall der Kanton. Kompliziert? Viel einfacher jedenfalls als der Dschungel der deutschen Steu­er­ge­setz­ge­bung, vor der Privatmenschen so resignieren, dass sie sogar ihre Steu­er­ein­ga­be­for­mu­la­re durch die gleiche Steu­er­ver­wal­tung vorbretteln lassen, während jeder aufrechte Schweizer, dem das zu kompliziert ist, seinen Steuerberater mit Vorliebe selber wählt. Am liebsten einen ehemaligen Beamten der Steu­er­ver­wal­tung, der jeden Trick kennt, mit dem man die austrixen kann und das auch genüsslich tut, unter Berücksichtigung der Schmerzgrenze. Käferberg, wohin hast du uns geführt!

Tote Biene im HumusJetzt wird's dann gleich botanisch und kriminalistisch. Ich bin nämlich vor 20 Minuten von der Friedhofstrasse direkt in den Rosshauweg ein­ge­bo­gen, da haben wir ihn wieder! und kauere jetzt am lehmigen Ufer eines der zahlreichen Rie­sel­bä­che, die den Hang Rich­tung Limmat im Norden als End­ziel entwässern und so ver­hin­dern, dass das Wasser Ka­ver­nen unter dem Boden bildet, auf denen am Ende ganze Waldstücke samt Wurzeln, Hu­mus und Fels­bro­cken hin­un­ter­pur­zeln und rutschen könnten. Das wollen wir ja nicht, also werfen wir keinen Ab­fall in die Bäche, der sie verstopfen könnte. 

Dort wo ich gerade kauere, hat es aber dennoch jemand getan, und zwar einen halben Hausrat: Einen rostigen Holzherd von Anno dazumal, ein Bügelbrettgestell, eine vermutlich noch brauchbare Handbohrmaschine, und enorm viel Müll, verfaulte vegetarische Reste, Lehmbrocken, und sogar direkt faulenden Schlamm, wie ihn von Zeit zu Zeit die Draggerschiffe der Fluss­ver­wal­tung vom Boden aufkratzen, um die Fahrrinne freizuhalten. Und auf einem solchen Klumpen, auf meiner Bachseite, lag das arme Bienchen. Wie war das hierher geraten? Zufällig hier gestorben? oder absichtlich hier deponiert, aber wozu denn, was sollte das? Ich stelle die Fragen schon in der richtigen Ordnung, wie ich sie mir formuliert hatte nach einer sorgfältigen Beobachtung. Hier die logischen Schritte, Sie wissen, das ist immer ein guter Start. Denken Sie bis zum nächsten Mal darüber nach, ich gebe Ihnen noch Symbole, die nützlich sind für eine Beweisführung:
(OK green= bewiesen, OK not red! = Beweis futsch!).

Bis bald!

Schlussschlinge